Geschichte erleben – Stahlwerk Becker

Stahlwerk Becker um 1914

Am 17. Juni 1908 schlug Reinhold Becker, Direktor der Krefelder Stahlwerke, dem Willicher Gemeinderat die Errichtung eines Stahlwerks vor. Nur drei Monate später, am 29. September 1908, verkaufte der Willicher Gemeinderat Becker ein Grundstück westlich des Güterbahnhofs für 3.000 RM pro Morgen, und am 15. Oktober 1908 wurde die Stahlwerk Becker AG mit Sitz in Willich offiziell gegründet. Die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 03. November 1908. Schon am 04. Oktober 1908 begannen die Ausschachtungsarbeiten, im Dezember 1909 betrug die Werksfläche bereits 80.000 qm und im Februar 1910 war die erste Bauphase abgeschlossen. Seit 1910 ließ Becker im Westen Willichs eine Werkssiedlung für seine Arbeiter errichten.

Boom im Ersten Weltkrieg
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Unternehmen fast vollständig in die Rüstungsindustrie eingebunden. Bereits vor Kriegsbeginn wurde mit der Produktion von Panzerplatten beginnen. Der Konzernchef entsprach den neuen Anforderungen zum einen mit dem Ausbau des Willicher Werks, zum anderen mit weiteren Erwerbungen.

Stahlwerk_Casino_BeckerZur zweiten Bauphase gehörten unter anderem das Wasserwerk und das riesige Draht- und Feinwalzwerk („Halle 4“). 1916 errichtete Becker ein Hochofenwerk im Krefelder Rheinhafen, das nach seinem Gründer „Reinholdhütte“ genannt wurde. Für die Ausweitung der Produktion benötigte Becker zusätzliche Arbeitskräfte – am 29. Juli 1915 erhielt er 30 Kriegsgefangene zugewiesen. 1917 erwirtschaftete das Werk einen Reingewinn von 6,6 Millionen Mark. Obwohl sich nach Kriegsende die Auftragslage verschlechterte, baute Becker den Keiter aus.

Verkauf und Liquidation
Nach dem Tod Reinhold Beckers im Jahre 1924 verschlechterte sich die Lage dramatisch. Der Konzern fiel an die Michel-Gruppe um den Düsseldorfer Bankier Georg van Meeteren. 1928 musste das Willicher Werk an ein Konsortium, dem 21 Werke der Ruhrstahlgemeinschaft angehörten, verkauft werden. Aufgrund der schlechten Konjunktur wurde die Produktion eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Stahlwerk 4.000 Leute. Die Bildung einer AG der Werksangehörigen unter Ewald Heuer blieb ohne Erfolg, so dass zum 05. April 1932 die endgültige Schließung erfolgte. Am 04. Juli 1944 wurde die Liquidation der Stahlwerk Becker AG abgeschlossen, die Firma war damit erloschen.

Deutsche Edelstahlwerke
Am 01. Juli 1934 wurden die Betriebsanlagen Reinholdhütte und Willich an die Deutschen Edelstahlwerke AG verpachtet, im Dezember 1939 kauften diese dann das Stahlwerk und produzierten dort bis zum Kriegsende. Dabei beschäftigte das Werk noch 1.000 Mitarbeiter. Seit 1942 waren auf dem Stahlwerksgelände russische Kriegsgefangene untergebracht, die in dem Rüstungsbetrieb arbeiteten. Bei einem Luftangriff soll eine Unterkunft getroffen und mehrere Russen getötet worden sein. Noch 1945 wurden die Anlagen demontiert, die Gemeinde verpachtete die Gebäude an 18 kleinere Betriebe. Am 07. September 1945 wurde das Stahlwerk von der britischen Besatzungsbehörde requiriert.

Kaserne der Royal Engineers
Am 09. Juli 1948 wurde den angesiedelten Betrieben von der Militärregierung gekündigt, um dort eine britische Einheit unterbringen zu können. Von jenen 18 Betrieben blieben nur drei in Willich. 1957 erwarb der Bund das komplette Gelände. Da der Bund für sich Steuerbefreiung in Anspruch nahm, entgingen der Gemeinde nicht nur Gewerbe- sondern nun auch Grundsteuereinnahmen.

Gewerbepark Stahlwerk Becker
Nachdem sich 1992 die letzten Teile der britischen Einheit aus Willich verabschiedeten, stand das Werk ohne Nutzung leer. Dafür entschied das Landessozialministerium, Teile der alten Unterkünfte für die Unterbringung von Asylanten zu nutzen. Nach zahlreichen Querelen, auch mit benachbarten Gewerbebetrieben, wurde die Asylantenunterkunft bald wieder aufgegeben. 1996 entwickelte die Stadt deshalb eine Machbarkeitsstudie, die eine neuartige Nutzung der Anlage für Gewerbezwecke untersuchte. Ende 1997 gelang es der Stadt nach zähen Verhandlungen, der Bundesvermögensverwaltung das Stahlwerkgelände samt Liegenschaften für 2,5 Millionen DM abzukaufen, neuer Eigentümer wurde die städtische Grundstücksgesellschaft. Am 26. April 1998 hatte die Willicher Bevölkerung erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg die Gelegenheit, das zuvor nicht zugängliche Gelände im Rahmen eines Tages der offenen Tür zu besichtigen.

Luftaufnahme Stahlwerk Becker

Noch im selben Jahr wurde mit der Umsetzung der Machbarkeitsstudie begonnen und zahlreiche, vor allem nach 1945 entstandene Gebäude abgerissen. 1999 beschloß der Stadtrat die Einrichtung eines Gründungszentrums zur Unterstützung von jungen Unternehmen. Es wurde am 17. März 2002 eingeweiht. Im August 2000 wurde mit dem Bau der zentralen Wasserachse begonnen. Auch diese wurde 2002 fertiggestellt. In den Folgejahren gelang es der Grundstücksgesellschaft, zahlreiche neue Firmen im Gewerbepark anzusiedeln. Außerdem gelang es der Grundstücksgesellschaft, auch markante Liegenschaften wie das Wasserwerk (2009), den Wasserturm (2007) oder das Hammerwerk (2010) zu veräußern.

Übertragung an die Stadt Willich
Am 19. Dezember 2014 wurde im Rahmen einer Vertragsunterzeichnung der Gewerbepark von der Grundstücksgesellschaft auf die Stadt Willich übertragen (bei der GSG verblieben nur das Gründerzentrum und die Halle 4). Zu diesem Zeitpunkt waren 80 % des Geländes vermarktet und mehr als 100 Unternehmen mit 1.400 Arbeitsplätzen angesiedelt.