Im Jahr 2020 hat dieses Thema für Willich eine zentrale Bedeutung: Wie viele Kommunen in NRW feiert die Stadt ihr 50-jähriges Bestehen – als Zusammenschluss der früher selbstständigen Gemeinden Willich, Anrath, Schiefbahn und Neersen.

Hintergrund des Prozesses waren Erkenntnisse aus den 1960er Jahren, die sich so oder ähnlich in vielen Bundesländern abgespielt hatten: Die traditionellen Gemeindestrukturen, die im Wesentlichen noch auf das 19. Jahrhundert und früher zurückgingen und zuletzt 1929 durch das „Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets“ reformiert worden waren, waren nicht mehr zeitgemäß. Es sollten größere Strukturen, die den Zielen der Raumordnung angepasst waren, geschaffen werden.

Konkret für den Großraum um Willich galt das „Gesetz zur Neugliederung des Kreises Kempen-Krefeld und der kreisfreien Stadt Viersen vom 18. Dezember 1969.“ Durch dieses Gesetz wurden aus 32 Gemeinden des Kreises Kempen-Krefeld, der kreisfreien Stadt Viersen und der Gemeinde Büderich im Kreis Grevenbroich acht neue Gemeinden gebildet. Darunter waren die Städte Kempen, Nettetal, Viersen und Willich im Kreis Kempen-Krefeld und die Stadt Meerbusch im Kreis Grevenbroich (seit Januar 1975 Kreis Neuss). Willich erleben hat mit dem amtierenden Bürgermeister Josef Heyes darüber gesprochen, wie das Jubiläum zu sehen ist.

Herr Heyes – 50 Jahre Willich: Wie steht die Stadt heute da?

J. Heyes: 1970 waren in Willich knapp 35.000 Bürgerinnen und Bürger in Willich beheimatet, die Zahl ist auf über 52.000 angestiegen. Wirtschaftlich, infrastrukturell, über alle Bereiche, im Sport und kulturell hat sich unsere Stadt sehr gut entwickelt. Willich wurde in der kommunalen Neugliederung zum Erfolgsmodell. Es geht ihr gut, unserer Stadt. Wir sind wer. „WIR SIND WILLICH“!

Sie haben die Stadtgründung mit Anfang 20 erlebt – an welche Dinge erinnern Sie sich besonders?

J. Heyes: Ich erinnere mich an die Presseberichte über die zuvor lang anhaltenden Diskussionen und Ressentiments: „Wer mit wem?“, „Auf keinen Fall!“, „Unn met dänne kosse wier et noch nie!“ und „Die hant die Scholde und wolle sech an ous rieck stute!“, habe ich noch in guter Erinnerung.

Viele positive Informationen rundeten jedoch das Bild ab und die Zweckmäßigkeit wurde erkannt.

1970: Der damalige Schiefbahner Kaplan und spätere Weihbischof August Peters las wiederholt die Sonntagsmesse in der Klosterkirche des St. Bernhard-Gymnasium. Mein Onkel Heinrich hatte die kommunale Neuordnung nicht so verfolgt. Zum Ostergottesdienst 1970 standen wir vor der Kapelle und mein Onkel meinte: „Die Predigt vom Kaplan Peters spricht so viele an, es kommen immer mehr Kirchenbesucher aus Viersen.“ Worauf ich meinen Onkel aufklären musste, dass nicht mehr Kempen, mit „KK“, sondern Viersen, mit „VIE“ unsere Kreisstadt ist, was meine Onkel Heinrich mit den Worten kommentierte: „Och dat noch!?“

Trotz der 50 Jahre als eine Stadt gibt es ja immer noch durchaus starke Interessen der vier früheren Gemeinden, die manchmal prägnant auftauchen. Wie schätzen Sie solche Situationen ein?

J. Heyes: Eine Liebesheirat auf den ersten Blick war es damals noch nicht. Aber die Beteiligten haben sich mehr als zusammengerauft und das Beste aus der Zusammenführung gemacht. In der Tat steht Willich mit den vier Stadtteilen heute vergleichsweise hervorragend da. Und dennoch sind Gott sei Dank viele wichtige Eigenständigkeiten der vier Ursprungsgemeinden gepflegt und bewahrt worden: Willicher sind Willicher, Anrather sind Anrather, Neersener sind Neersener und Schiefbahner sind Schiefbahner, aber: Gemeinsam sind wir WILLICHER! Das ist gewachsen und wächst weiter!

Das Jubiläumsjahr wird mit vielen Veranstaltungen gefeiert – warum ist diese Idee entstanden?

J. Heyes: Wir haben gemeinsam mit Politik und Verwaltung überlegt, ob und wie wir dieses Jubiläum feiern. Solch ein Anlass wurde auch des Feierns wert erkannt. Viele Ideen wurden im Team zusammen- getragen. Die Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger mit unserer Stadt Willich lag und liegt uns am Herzen. Es soll ein Fest für und mit der Bürgerschaft sein.

Wie informieren Sie die Bürger über das Festgeschehen?

J. Heyes: Mit einem schönen, lebendigen Festakt, bei zahlreicher Teilnahme internationaler Gäste, haben wir das Jubiläumsjahr gestartet und einen öffentlich wahrnehmbaren, weltoffenen Impuls gesetzt. Die fast fünfzig Veranstaltungen während des Jubiläumsjahres sind in einer handlichen Broschüre in Taschenformat beschrieben und liegen in allen Verwaltungsstellen aus. Gleiches ist auf Schaufensterplakaten dargestellt. Zudem sind mitgestaltende Schulen, Vereine und Verbände unsere Multiplikatoren.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Stadt bzw. dieser Stadt­gemeinschaft vor?

J. Heyes: Als ein Ort des lebenswerten Miteinanders, in dem man gerne wohnt, gerne lebt, gerne arbeitet, gerne einkauft, gerne feiert und seinen Kindern überzeugend sagt: Hier in Willich ist unsere Heimat!

Welche Themen sind in der nahen Zukunft wichtig?

J. Heyes: Die weitere Verbesserung der Infrastruktur, in Punkte Verkehr – hier gibt es erste Impulse zur Realisierung der Regiobahn-, die Digitalisierung über den weiteren Ausbau der Breitbandversorgung, Schaffung von Wohnbauflächen für junge Willicherinnen und Willicher und seniorengerechte Wohnungen. Die solide Finanzierung soll auch in Zukunft Grundlage unserer attraktiven Stadt sein.