Anna Rütten wurde 1945 von einem Unbekannten ermordet, als sie auf dem Weg zu einer Patientin war. Viele Willicher kennen den Anna-Rütten-Weg, welcher den Übergang vom Gewerbegebiet Münchheide zum Stadtteil Alt-Willich bildet – aber kaum einer weiß etwas über die Namensgeberin Anna Rütten und ihr Schicksal.

Anna Rütten war eine junge Ärztin, am Kriegsende gerade einmal 34 Jahre alt. Sie wohnte auf der heutigen Hülsdonkstraße in Alt-Willich. Nachdem die beiden im Dorf praktizierenden Mediziner, Dr. Bönner und Dr. Zimmermann, zur Wehrmacht eingezogen wurden, war sie die einzige Ärztin im Ort. Sie erledigte ihre Aufgabe mit Bravour, vor allem in der schwierigen Übergangszeit nach dem Einmarsch der Amerikaner am 1. März 1945.

DISPLACED PERSONS

Als das Deutsche Reich im Mai 1945 kapitulierte, lebten im Reichsgebiet etwa elf Millionen sogenannte „Displaced Person“. Es handelte sich vor allem um verschleppte und inhaftierte Menschen aus der Sowjetunion, aus Polen, Frankreich, den Niederlanden.

Die Siegermächte standen vor einem riesigen Problem: Wie sollten diese Menschen versorgt werden, wo sollten sie untergebracht und wann und wie in ihre Heimat zurückgebracht werden? Der sowjetische Diktator Josef Stalin setzte durch, dass die zwei Millionen Displaced Persons aus der Sowjetunion zuerst wieder nach Hause transportiert wurden. Das geschah tatsächlich sehr schnell, bis Ende September 1945. Bis Ende September waren 4,6 Millionen Menschen von den alliierten Militärbehörden wieder dahin gebracht worden, wo sie hingehörten. Viele andere machten sich selbst auf den Weg nach Hause.

Im Herbst und Winter 1945/46 waren Transporte wegen der Witterungsverhältnisse aber nicht möglich. Die restlichen Displaced Persons saßen in Deutschland fest – immerhin 1,2 Millionen. Dabei handelte es sich um Balten, Juden aus Osteuropa, aber vor allem um 900.000 Polen. Viele dieser Menschen wollten gar nicht zurück, denn Polen und das Baltikum waren inzwischen in Stalins Machtbereich gerutscht, und unter dessen Knute wollten sie nicht leben.

Die Displaced Persons waren in Lagern untergebracht, die unter dem Kommando der jeweiligen Besatzungsmacht standen. Kurz nach Kriegsende gab es mehr als 1000 Lager, die Zahl sank allerdings rasch durch Auflösung und Zusammenlegungen. Ein Lager befand sich im Zuchthaus Anrath. Von hier aus machten sich immer wieder kleine Gruppen auf den Weg, um auf den Höfen in der Umgebung Lebensmittel und Wertgegenstände zu requirieren.

ZURÜCK ZU ANNA RÜTTEN

Am Abend des 14.Juli 1945 wollte sie noch eine Wöchnerin auf den Holterhöfen besuchen. Statt der Krefelder Landstraße entschied sie sich für die Abkürzung durch das Münchheider Feld, obwohl gerade die einsamen Feldwege nicht ungefährlich waren. In der Nähe des Mertenshofs muss sie ihrem Mörder begegnet sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um einen jener „Displaced Persons“, einen ehemaligen russischen Kriegsgefangenen. Jener hatte nämlich kurz zuvor noch auf der Suche nach Lebensmitteln einen benachbarten Bauernhof aufgesucht. Über den Tathergang kann man nur spekulieren, auf jeden Fall fand man Anna Rütten wenig später mit einem Genickschuss tot im Feld, das Fahrrad war verschwunden.

HOLZKREUZ ERINNERT

Zur Erinnerung an Anna Rütten wurde an der Todesstätte ein schlichtes Holzkreuz aufgestellt, das bald in Vergessenheit geriet. Bei Bauarbeiten in Münchheide wurde es 2011 im Erdreich wiederentdeckt und in der Folgezeit von den Heimat- und Geschichtsfreunden Willich wieder aufgearbeitet.