Dieses Berufsbild ist etwas ungewöhnlich und wird von vielen vielleicht eher skeptisch beäugt: Miriam Noureddine (33 Jahre) ist Beamtin im Allgemeinen Vollzugdienst, ihr Kollege Mattias Pfefferkorn (34 Jahre) Justizvollzugs-Hauptsekretär und stellv. Ausbildungsleiter: Ihr Arbeitsplatz: die JVA Willich II – das sog. „Frauengefängnis“.

Gemeinsam mit JVA-Leiterin Charlotte Adams-Dolfen und der Leiterin des Allgemein Vollzugsdienstes, Heike Kättner, möchten die beiden das Wissen über ihren Arbeitsalltag bekannter machen, um Nachwuchs für den Beruf zu gewinnen. Ein wichtiger Aspekt: „Man muss Menschen mögen. Der Beruf ist vielfältig, wir schließen nicht nur die Zellen auf und wieder zu“ – obgleich Ordnung, Kontrolle und das Einhalten von Regeln ein ständiger Teil der Arbeit sind.

Dazu kommt der menschliche Kontakt zwischen Vollzugsbeamten und Inhaftierten: „Wir kümmern uns um die Frauen, sind für sie der erste Ansprechpartner bei Problemen“, schildert Heike Kättner – denn eine Haft isoliert naturgemäß von Familie und Freunden. Wenn dann der Partner oder die Kinder nicht zu Besuch kommen, Schulden oder andere Probleme belasten, sind die Beamten an der Zellentür der erste Bezugspunkt und im Gespräch mit ihnen können die Inhaftierten ihre Sorgen äußern.

VORBEREITEN AUF DAS LEBEN DANACH

Die Beamten haben eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag dazu, die straffällig gewordenen Frauen auf ein Leben „nach dem Knast“ und möglichst ohne erneute Straftaten vorzubereiten: „Wir arbeiten mit jeder Frau einen Vollzugsplan aus – sehen, welche Probleme vorhanden sind, ob ein Schulabschluss nachgeholt werden muss, ob sie eine Ausbildung machen oder arbeiten können“, schildert Pfefferkorn.

Die Haftzeit soll eben nicht „abgesessen“, sondern möglichst zukunftsorientiert genutzt werden. Dabei arbeiten die Vollzugsbeamten im Team mit Psychologen und Sozialarbeitern, „Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Andererseits muss man auch in Hierarchien arbeiten können“, so Adams-Dolfen. Die Beamten erfahren viel über die inhaftierten Frauen und ihre Lebensgeschichte – wobei dazu auch gehört, dass sie die Straftaten kennen: In Anrath sind 198 Frauen im geschlossenen Vollzug inhaftiert, 66 Frauen im offenen Vollzug. Das Spektrum der Vergehen reicht von Erschleichung von Leistungen und Betrug bis zur Tötung eines Partners oder Kindes und entsprechend langen Haftzeiten. Altersmäßig ist alles dabei – von gerade 20 Jahre alt bis 83 Jahre: „Wir haben auch Frauen mit Rollator oder anderen Altersproblematiken, die wir berücksichtigen müssen“, so Adams-Dolfen.

SICHERER ARBEITSPLATZ

Für Noureddine und Pfefferkorn gab es mehrere Gründe, ihren Beruf zu wählen: Als Beamte haben sie einen sicheren Arbeitsplatz und ein sicheres Gehalt, geregelte Arbeitszeiten im Schichtdienst – andererseits ist da auch die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft: „Irgendjemand muss sich um die Frauen kümmern, statt zu meckern“, beschreibt Pfefferkorn und seine Kollegin ergänzt: „Man sollte Hilfestellung geben und Vorbild werden, aber nicht bekehren wollen: Der Mensch ist verurteilt und muss damit leben“. Zum „Vorbild sein“ gehören schon ganz einfache Dinge – wie ein respektvoller Umgang oder die Worte bitte, danke, Tschüss und Hallo, so Pfefferkorn. Andererseits sei für die Beamten ein selbstbewusstes, festes Auftreten notwendig, um Diskussionen zu vermeiden und Regeln durchzusetzen. Trotz der besonderen Arbeitssituation mache ihr der Beruf Spaß, meint Noureddine: „Man hat viel Kontakt zu Menschen und kann einen Beitrag zur positiven Entwicklung der Frauen in der Haft leisten“. Nichtsdestotrotz sei es wichtig, eine gewisse Distanz zu den Themen zu haben und die Belastungen nicht mit nach Hause zu nehmen: Familie, Hobby oder Sport sollten nach der Arbeit der Aus- gleich sein, so Pfefferkorn.

INFO:

Die Ausbildung zum „Beamten im Allgemeinen Vollzugsdienst“ dauert zwei Jahre. Inhalte der Ausbildung sind Straf- und Vollzugsrecht, aber auch Psychologie und Pädagogik. Voraussetzungen für eine Bewerbung ist das Alter zwischen 20 und 38 Jahre, ein Hauptschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder die Fachoberschulreife.

BEWERBER/-INNEN WENDEN SICH AN:

JVA Willich II
z.Hd. Herr Tives
Gartenstr. 2, 47877 Willich