Bahnhof Niederheide – Bahnhof Schiefbahn-Nord

Im Jahr 1883 wurde an der bereits seit 1877 bestehenden Bahnstrecke Krefeld – Willich – Gladbach der Haltepunkt Niederheide erbaut. Um der Bergisch-Märkischen-Eisenbahn-Gesellschaft Marktanteile abzunehmen, baute die Rheinische-Eisenbahn-Gesellschaft in Konkurrenz zu deren Strecke Duisburg – Ruhrort -Mönchengladbach eine Verbindung von Krefeld nach Rheydt über Willich, Niederheide, Neersen und Neuwerk. Die Rheinische-Eisenbahn- Gesellschaft hoffte, durch eine geradlinige Streckenführung und die damit verbundene kürzere Fahrzeit Fahrgäste abwerben zu können.

Als der Schiefbahner Gemeinderat vom Plan einer Eisenbahnverbindung Krefeld-Rheydt erfuhr, sah er die Chance, den bis zu diesem Zeitpunkt von den großen Verkehrsverbindungen abgeschnittenen Ort an eine Strecke an zu schließen.

Am 10. Februar 1871 beantragte die Gemeinde Schiefbahn beim preußischen Ministerium, die Streckenführung über Schiefbahner Gebiet vorzusehen. Zu diesem Zweck stellte die Gemeinde 15 Morgen Land kostenlos für die Anlage eines Gleiskörpers zur Verfügung.

Am 15. November 1877 wurde die neue Strecke eröffnet. Es sollte sich jedoch als schwerer Fehler erweisen, die wichtigen Bahnhöfe Viersen und Mönchengladbach Hbf aus der Streckenführung auszuklammern. So blieb das Interesse an der neuen Verbindung gering und die Strecke wurde mehr und mehr unrentabel. Nach der Verstaatlichung der Eisenbahnen wurde dieser Fehler halbwegs korrigiert, indem seit 1909 auch Mönchengladbach Hbf angefahren wurde, während die Haltepunkte Bökel und Speick gestrichen wurden.

Zug am Bahnhof Neersen 1938Mit Gründung des Stahlwerks Becker im Nachbarort Willich wurde die Strecke wieder attraktiver und mehr und mehr für den Güterverkehr genutzt. Bereits ein Jahr später nach der Übernahme durch die Reichsbahn wurde das Stück Mönchengladbach Hbf-Neuwerk am 01. Mai eröffnet. Die Nachkriegsjahre und die Jahre der Weimarer Republik brachten erneute Einbrüche im Güterverkehr. Die Inflation und die beginnende Weltwirtschaftskrise läuteten unter anderem, den langsamen Niedergang des Stahlwerks Becker ein.
Bahnhof Niederheide 1935Aufwärts ging es erst ab 1934, als die Deutschen Edelstahlwerke (DEW) das Stahlwerk pachteten und bis 1945 dort für die Rüstung produzierten. Im zweiten Weltkrieg errang die Strecke zumindest ab Willich wegen ihrer Verbindung zum Ruhrgebiet wieder höchste strategische Bedeutung für die Transporte an die Westfront. Ende 1944 sprengten deutsche Soldaten auf dem Rückzug vor den herannahenden Alliierten eine Eisenbahnbrücke zwischen Neuwerk Bahnhof und Mönchengladbach Hbf. Somit war in Neuwerk wieder Schluss. Und das sollte auch so bleiben, denn die Brücke wurde nie wieder aufgebaut. Eine Entscheidung, die das vorprogrammierte Ende der Strecke einläutete. Und so hatte die Bergisch Märkische Eisenbahn den Konkurrenzkampf zur Rheinischen Eisenbahn nach 68 Jahren letztendlich doch gewonnen. Der Güterverkehr ging durch den Wegfall des Stahlwerks Becker endgültig, im Gegensatz zu vorher, in die Knie. Die verbliebenen Privatanschlüsse hatten dem nichts entgegen zu setzen.
Stellwerk am Willicher Bahnhof 1955Dass die Strecke überhaupt über 100 Jahre alt werden sollte, ist allein der „Britischen Rheinarmee“ zu verdanken, die 1948 ins Stahlwerk Becker einzogen und damit der Strecke wieder strategische Bedeutung bis zum Ende des „Kalten Krieges“ zuwies. 1961 fuhren auf der Strecke täglich noch 24 Personenzüge, in den Jahren danach wurde diese Zahlimmer weiter reduziert, bis zuletzt nur noch ein Zug täglich in jede Richtung verkehrte.

Bahnhof Niederheide 1986Am 22.Mai 1982 wurde der Personenverkehr auf der ganzen Strecke eingestellt. Anschließend fuhren noch bis 1994 Güterzüge. Die Besatzung der Lok hatte von nun an einen Schlüssel mit und musste die Schranken der Bahnübergänge und Weichen selber bedienen. Dieser sogenannte Schlüsselbetrieb funktionierte mehr schlecht als recht, sodass eine Speditionsfirma in Neuwerk, die Terminfracht hatte, oftmals die Termine nicht einhalten konnte, weil sie von der Bahn nicht pünktlich bedient wurde und den Anschluss kündigte. Eine Schotterfirma in Neuwerk gab es auch nicht mehr und eine Firma in Niederheide kündigte ebenfalls. So blieb nur noch als Kunde die Raiffeisengenossenschaft in Willich, die bis 1993 noch mit Kalizügen bedient wurde. 1997 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.

Bahnhof
1883 wurde der Bahnhof Niederheide (später „Bahnhof Schiefbahn-Nord“) sukzessive aus Mitteln der Gemeinde, aber auch der anliegenden Bauern, der Bahnhof Niederheide gebaut. Nach Stillegung der Strecke wurde das Bahnhofsgebäude im Juni 1989 abgerissen.

Bahntrasse wird zum Alleenradweg
Die Stadt Willich hat auf der stillgelegten Bahntrasse Willich – Mönchengladbach eine komfortable, attraktive Radwegverbindung gebaut. Sie führt durch das Gebiet des ehemaligen Stahlwerk Becker, am Wohngebiet Wekeln vorbei bis zur Trabrennbahn in Mönchengladbach. Dort hat der Weg eine gute Anbindung an die Nordkanalroute und den Niers-Radweg.
Am 15. September 2012 wurde der Alleenradweg offiziell freigegeben. Als „Eyecatcher“ am ehemaligen Bahnhof Niederheide stellte der Betreiber des Nutzfahrzeugemuseums im Stahlwerk Becker, Klaus Rabe, der Stadt eine alte Lokomotive als Dauerleihgabe zur Verfügung.

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