Bordsteinparty in der Schibbahner Siedlung

Willicher Dönkes Siedlerallee
Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1938 - kurz nach Fertigstellung der Siedlung (es handelte sich um eine nationalsozialistische Mustersiedlung)

„Tanz, Preisschießen und Kirmestrubel bildeten den Rahmen zu einem Fest, an dem ganz Schiefbahn teilnahm“ – berichtet eine Zeitung über den 30. und 31. Juli 1938.

Damals wurde die Entstehung der „Siedlung“ gefeiert – ein neues Wohngebiet in einem Gelände, das etwa zwei Jahre zuvor noch als unbebaubar galt, wie der Historiker Dr. Ludwig Hügen weiß: „Das Baugebiet war für kinder reiche Familien gedacht, es entstand auf Veranlassung der Gemeinde Schiefbahn.“ Die Verantwortung hatte Bürgermeister Gustav Geldbach, der von den Nationalsozialisten in dieses Amt gesetzt worden war und es von 1936 bis 1945 innehatte.

In die „Siedlung“ zogen damals überwiegend kinderreiche Familien, vielfach aus der Arbeitersiedlung „Kolonie“. Oft arbeiteten ein oder mehrere Familienmitglieder in der Verseidag (damals Deuß & Oetker). Dazu konnten andere Familien eines der rund 40 Grundstücke erwerben. Die Bau- Konditionen waren günstig: 0,45 Reichsmark für einen Quadratmeter Bauland, die Grundstücke waren rund 800 Quadratmeter groß. Die Häuser umfassten fünf Wohnräume und Stallung, sie kosteten insgesamt 360 Reichsmark, rechnet Hügen vor. Dazu mussten die Besitzer eine Bau-Eigen leistung im Wert von 170 Reichsmark erbringen, den Restbetrag zahlten sie ab: „Dabei durfte aber die Belastung monatlich maximal 25 Reichsmark betragen und nach drei Jahren waren die Bewohner automatisch Eigentümer“, erzählt Hügen. Damit die Bewohner eine Grundlage für die selbstständige Versorgung mit Nahrungsmitteln hatten, erhielten sie je ein Schwein, eine Ziege, Kaninchen und Hühner.

Dem Bau vorangegangen war seit Sommer 1937 eine große Entwässerungsaktion des Bruchgeländes mit Gräben und einem unterirdischen Kanal, der die Feuchtigkeit ableitete. Das Bruchgebiet, das zuvor nur von den heutigen Linselles- und Blumenstraße zu erreichen gewesen war, erhielt Schotterwege und wurde so zugänglich.

Innerhalb kurzer Zeit entstand unter den „Siedlern“ ein gutes Nachbarschaftsverhältnis – auch unter den Kindern. Das äußerte sich unter anderem in kleinen Auseinandersetzungen mit den Kindern aus der älteren „Kolonie“ erinnert sich Hügen an seine Kindheit. Er wohnte in dieser ersten Arbeitersiedlung, die allerdings unter demselben Makel litt wie die neue: Die „richtigen“ Schiefbahner betrachteten die Bewohner der beiden Gebiete eher geringschätzig, so Hügen.

In den 60er und 70er Jahren erlebte die Siedlung dann einen Bau-Boom: Die einfachen Häuser wurden erweitert, das bot sich durch die großen Grundstücksflächen an. Dazu wurde modernisiert, Wasserleitungen wurden gelegt und heute erinnert kaum noch etwas an den ersten Charakter der Siedlung.
Und die Siedler konnten feiern: Immer am ersten Wochenende im August wurde die Straße gesperrt und die ganze Nachbarschaft feierte. Aber auch außerhalb fester Termine gab es immer wieder kleinere Treffen, erinnert sich eine ältere Anwohnerin: „Wenn einer draußen stand, dann kam der nächste, dann hatte einer noch eine Flasche zu Hause und wir hatten eine Bordsteinparty.“

Letzer Vorsitzender der Siedlungsgemeinschaft war Max Wüst. Schadet findet der heute 76-jährige die Tatsache, dass das Straßenfest ein Ende hatte, aber es sei einfach nicht mehr finanzierbar gewesen. Auch seien in den letzten Jahren viele der älteren Bewohner gestorben, die Häuser seien verkauft worden, und die „jungen Leute haben andere Interessen.“ Daher wurde die alte Siedlergemeinschaft 2005 aufgelöst und die restlichen Gelder an den Elternverein krebskranker Kinder Krefeld gespendet.