Die Geschichte der Juden in Willich

Erst integriert, später ermordet oder geflüchtet!

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„Wir haben an vielen Stellen erfahren und teils mit Bildern dokumentiert, dass die in Willich lebenden jüdischen Familien vor der NS-Zeit in das Leben in den Orten integriert waren“, schildert Bernd-Dieter Röhrscheid, mit Udo Holzenthal Autor des Buches „Die Geschichte der Juden in Willich“, ein Ergebnis der Recherche-Arbeit. Jüdische Mitbürger waren Förderer von Vereinen, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, sie unterstützten das Schützenwesen und beteiligten sich an humanitären Aktivitäten in der Gemeinschaft…. Umso absurder und unmenschlicher erscheint dem Leser das, was das Buch thematisiert: das Schicksal der jüdischen Mitbürger und Nachbarn in Willich während der NS-Zeit , die Berichte von Deportationen und Ermordungen in den KZs, die Berichte über Menschen, die Heimat und Familie verlassen um sich eine neue Existenz im Ausland aufzubauen und ihre Angehörigen dann nachzuholen.

Willicher Erinnerungskultur
buch_roehrscheid_holzenthal-5Dieses Buch wiederzugeben ist schwierig – es ist methodisch eine sehr sorgfältige und genaue Arbeit, die rund 1.000 Schicksale von jüdischen Mitbürgern – vom alten Menschen im Seniorenheim bis zu dem kleinen Mädchen im Grundschulalter – darstellt. Mit viel Archivarbeit haben die Autoren die Informationen zusammengestellt, Bilder der Menschen, Dokumente sowie eine Vielzahl von Stammbäumen zeigen bis in die heutige Zeit auf, wie sich die Überlebenden der jüdischen Willicher Familien in der Welt weiter entwickelt haben – mit zum Teil großen Erfolgen in Wirtschaft oder Wissenschaft. Alles das ist eine große wissenschaftliche Leistung – aber viel stärker wirkt vielleicht der Gesamteindruck dessen, was Udo Holzenthal als „Willicher Erinnerungskultur“ bezeichnet, die seit Jahren immer wieder mit Aktionen verschiedenster Art das Schicksal der ermordeten und vertriebenen Willicher in das Bewusstsein der lebenden Willicher holt.

Die Arbeit zur Erinnerung an die Willicher jüdischen Glaubens begann 1988 – als Bernd-Dieter Röhrscheid, damals noch Lehrer am St. Bernhard-Gymnasium – anlässlich der 50. Wiederkehr der Pogromnacht (09. November 1938) mit einem Sozialwissenschafts-Kurs am Wettbewerb „Verschüttete Spuren“ des NRW-Innenministeriums teilnahm.

Die Schüler hatten verschollene und getötete jüdische Mitbürger gesucht und deren lebende Nachfahren angeschrieben. Sie erhielten von fast allen Angeschriebenen eine Antwort und aus diesen Antworten stellte Holzenthal eine erste Dokumentation zusammen. Eine andere gute Quelle war auch ein Buch des Historikers Ludwig Hügen aus dem Jahr 1985.

2011 startete im Zusammenhang mit dem „Zug der Erinnerungen“, der in Viersen Station machte, ein neues Schülerprojekt: Sie beschäftigten sich mit dem Schicksal der vier deportierten Kinder Günter Laubinger, Ruth Rübsteck, Herbert Heumann und Bruno Schönewald: Alle waren in den KZs ermordet worden, ihre Geschichte wurde Teil einer Ausstellung im „Zug der Erinnerungen“.

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Das Haus rechts neben dem Fachwerk-Haus ist heute die Gaststätte Alt-Willich. Es war das Familienhaus Lion. Abraham Lion hatte 1910 eine Viehweide an der Bahnstraße gekauft, auf der 1927 zum ersten Mal ein Schützenzelt aufgebaut wurde. Seither gilt der Platz als Schützenplatz des ASV Willich. Abraham und sein Bruder Hermann waren Mitglieder der Willicher Freiwilligen Feuerwehr und im ASV.

„Das war der Anreiz, weiter zu forschen und so entstand die Idee, die „Stolperstein“-Aktion des Künstlers Günter Demnig auch nach Willich zu holen“, so Röhrscheid. Er und Holzenthal loben, dass in Willich sofort Einigkeit herrschte, diese Form der Erinnerung mitzutragen. Am 06. Februar 2012 wurden auf der Schulstraße in Schiefbahn die ersten sieben Stolpersteine zur Erinnerung an die Mitglieder der Familie Kaufmann verlegt – unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. In den Folgejahren gab es in allen vier Stadtteilen weitere Verlegungen, ein Höhepunkt war die Verlegung im Dezember 2012, zu der auch Nachfahren der jüdischen Familien Kaufmann, Lion, Rübsteck und Servos nach Willich gekommen waren: „Wir fanden die Reaktion der Nachfahren beeindruckend: Sie fanden es rührend, dass wir uns um die Geschichte ihrer Vorfahren kümmern. Einige fanden dadurch auch ihren Frieden“, schildert Röhrscheid. Es gebe für ihre Eltern und Vorfahren keine Gräber, daher sei die Reaktion auf die Verlegung der Steine vor den Häusern immer sehr emotional, „für die Nachfahren ist es wichtig, einen Anlaufpunkt zu haben, um zu gedenken“.

Verständlich ist aber auch eine andere Reaktion: Zwei Nachfahren der Familie Salomon Servos leben in den Vereinigten Staaten: Der 1928 geborene Kurt Servos kam zwei Mal nach Deutschland, seine 1927 geborene Schwester Henni hingegen nie. Sie habe auch nie auf Anfragen geantwortet, berichten die Buchautoren.

Streiflichter
Die im September 2016 erschienene „Geschichte der Juden in Willich“ ist ein weiteres Element der Willicher Erinnerungskultur. Die Autoren wollen nicht nur schreiben, sondern mit Bildern und Gesichtern Zusammenhänge zeigen, um das Geschehene vor allem für Schüler und Jugendliche verständlich zu machen. „Stolpersteine, Biografien und Bilder sollen den geflüchteten und ermordeten Menschen ihre Identität wiedergeben“ so Röhrscheid.

Einige Auszüge sollen hier zeigen, was diese Menschen erlebt haben:

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Moses Kaufmann, Siegfried Wallach und Abraham Rübsteck waren Mitglieder im Ehrenkomitee des MGV Cäcilia Schiefbahn. Das Bild zeigt Kaufmann mit anderen Schiefbahner Ortsgrößen

Moses Kaufmann
Moses Kaufmann war Inhaber eines Hauses auf der Hochstraße in Schiefbahn, er war Ehrenmitglied des MGV Cäcilia und ein Foto zeigt ihn mit Schiefbahner Ortsgrößen. Er floh 1938, nach dem Tod seiner Frau, zu seinem älteren Sohn nach Portugal. Weitere Kinder flohen in die USA und nach England. Seinem Sohn Eugen war nach der Pogromnacht 1938 verboten worden, als Tierarzt in Glehn zu arbeiten. In England lernte Eugen Kaufmann die englische Sprache, ließ die Approbation und die Promotion anerkennen und arbeitete unter anderem als Tierarzt der königlichen Familie.

Siegfried Wallach
„Siegfried Wallach war einer der Mutigen“, beschreibt ihn Udo Holzenthal: Der Viehhändler, der ebenfalls Mitglied im Ehrenkomitee des Gesangsvereins Cäcilia war, wurde gezwungen, seine wirtschaftliche Tätigkeit einzustellen. Er weigerte sich aber, die Einverständnis-Erklärung zu unterzeichnen und floh. Später wurde er in Frankreich verhaftet und 1944 in Auschwitz ermordet.

Julius Hermanns
Der Neersener zog zuerst mit seiner Familie nach Mönchengladbach, um in der Stadt nicht so sehr als Juden aufzufallen. Später wurde er in Dachau verprügelt und wollte nach Kuba emigrieren. Weil die Schiffstickets für ihn, seine Frau und Tochter aber zu teuer waren, reiste er alleine mit dem Schiff voraus. Während der Schiffspassage gelang es den Nazis, mit Kuba ein Übereinkommen auszuhandeln, in dem alle Einreisegenehmigungen widerrufen wurden. Das Schiff lag erst zwei Wochen im Hafen von Havannah, dann kehrte es nach Europa zurück. Die jüdischen Passagiere wurden teils nach Frankreich, England, Belgien oder in die Niederlande gebracht. Julius Hermanns wurde in Frankreich aufgenommen, verhaftet, interniert und 1942 in Auschwitz ermordet. Seine Frau Grete und seine Tochter Hilde sah er nicht wieder. Sie wurden 1944 und 1945 auf Todesmärschen ermordet.

Stolperstein-Verlegung
Die letzte Stolperstein-Verlegung war noch in diesem Jahr: am 19. Dezember um 12:30 Uhr wurden in Schiefbahn drei Erinnerungssteine für weitere Mitglieder der Familie Kaufmann verlegt. Um 13:00 Uhr wurden an der Kickenstraße in Neersen Stolpersteine zur Erinnerung an die Mitglieder der Familie Max Salmons verlegt. Zum Abschluss wurden vor dem Gefängnismuseum in Anrath drei Steine verlegt. Hier wurden drei jüdische Mitbürger in „Schutzhaft“ genommen und sie starben im „Zuchthaus“ – angeblich an Altersschwäche oder Blutsturz. „Diese Todesursachen konnten bisher nicht geklärt werden und sind zumindest fragwürdig. Die drei Juden wurden in einem Sondergrab 50 Meter vom Jüdischen Friedhof in der Zisdonk bei Anrath bestattet“, so Holzenthal. Überhaupt sei die Rolle des Anrather Gefängnisses während der NS-Zeit kritisch zu sehen: „Es war auch Haftanstalt für hohe österreichische Geistliche, die sich im Widerstand engagiert hatten, aber über ihr Schicksal ist nicht viel bekannt“, so Holzenthal: „Es gibt noch viele Geheimnisse, die nicht geklärt werden, weil die Unterlagen vernichtet wurden.“

Am 25. Januar anlässlich des weltweiten Holocaust-Gedenktages gibt es eine Buchlesung der beiden Autoren in der Willicher Buchhandlung.

Bernd-Dieter Röhrscheid, Udo Holzenthal
Die Geschichte der Juden in Willich
(Jüdisches Leben in den Gemeinden Anrath, Neersen, Schiefbahn und Alt-Willich von 1700 bis heute)

Hrsg. von den Heimat- und Geschichtsfreunden Willich e.V.
Hardcover, 278 Seiten, 320 Abbildungen, 27 Stammbäume
ISBN: 978-3-00-053281-8
Preis: 29,90 Euro

Verkauf:
• Willicher Buchhandlung
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• Lotto Toto Leyendecker, Neersen