Foto: Jan Erting

So auch dieser: Eigentlich ständen wir zum Erscheinungstermin dieses Heftes am Ende einer mit Spannung erwarteten Saison der Schlossfestspiele Neersen. Leider ist auch dieses Kultur-Highlight wie viele andere Veranstaltungen und Feste wegen der Corona-Bekämpfung abgesagt worden. Wir alle haben einen ungewöhnlichen Sommer erlebt – und das hat die Redaktion von Willich erleben veranlasst, den Intendanten der Schlossfestspiele einmal zu fragen, wie es ihm geht?

Red.: Herr Bodinus – keine Premieren vor der Kulisse von Schloss Neersen, keine gespannten Kinder im Publikum, keine Abschluss-Gala: Wie haben Sie diesen Sommer erlebt?
J.B.: Ich vermisse die Schlossfestspiele, das tolle Publikum, die Mitar­beiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag. Die Festspiele sind mein Som­mer, er ist kaum noch anders vorstellbar. Ich vermisse Theater, laue Neersener Sommernächte, den Kontakt zu den tollen Menschen in Willich.

Red.: Was war das für ein Gefühl, als Sie mit dem Festspielverein entscheiden mussten, die diesjährigen Festspiele abzusagen?
J.B.: Ein trauriges Gefühl. Aber die gesellschaftliche und finanzielle Verantwortung hat uns, den Vereinsvorstand und die Stadt zu dieser gemeinsamen Entscheidung gezwungen. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt bereits erhebliche Kosten, die wir glücklicherweise mit Hilfe der Stadt und auf Grund der extrem guten Bewirtschaftung der Festspiele in den letzten Jahren ausgleichen konnten. Wären wir ge­ startet, dann gäbe es jetzt keine Festspiele mehr in der Zukunft, so weit hätte uns das finanziell zurück geworfen. Deshalb ganz klar: Es war eine harte, aber kompromisslos richtige Entscheidung.

Red.: Als es darum ging, dass die Kosten für gekaufte Karten zu- rückerstattet werden könnten, haben sich viele Zuschauer entschieden, das nicht in Anspruch zu nehmen. Wie sehen Sie diese Reaktion?
J.B.: Mit Freude! So konnten wir einen kleinen Teil der Verluste ausglei­chen. Das zeigt, wie sehr uns das Publikum gewogen ist, wie sehr die Zuschauerinnen und Zuschauer uns und unsere Veranstaltungen lieben. Auf Grund der bereits verkauften Karten war eine erneute Rekordspiel­ zeit zu erwarten. Mit großer Hoffnung schauen wir jetzt auf den nächsten Sommer und beten, dass wir alle gesund wiedersehen werden.

Red.: Wie geht es Ihrem Ensemble? Haben Sie Kontakt zu den Schauspielern und dem Team hinter der Bühne?
J.B.: Es ist eine äußerst schwierige Zeit für Menschen aus unseren Berufsgruppen. Obwohl wir auch die Verantwortung sehen, die wir haben, gibt es leider immer ein paar unverhältnismäßige Maßnah­men, die es uns Künstlern schwer macht und einem Berufsverbot gleichkommen. So dürfen schon seit einiger Zeit Urlauberinnen und Urlauber dicht an dicht gepfercht in Flugzeugen sitzen, Theater aber haben immer noch gewisse Auflagen, die manche Menschen noch davon abhalten, einen geschlossenen Theaterraum zu besuchen.

Da die Kunst leider im Auge von manchen Entscheiderinnen und Entscheidern nicht als „systemrelevant“ anerkannt wird, was sie na­türlich ist, stehen viele private Theater und Veranstalter vor der In­solvenz. Glücklicherweise haben wir in Willich hier Rückendeckung aus Politik und Wirtschaft und durch unsere konsequente Entschei­dung gegen die Festspiele in 2020 eine Insolvenz vermieden.

Red.: Corona hat ja so viel verändert – wie sehen Sie die Folgen dieser Zeit für die Gesellschaft insgesamt?
J.B.: So lange es keinen Impfstoff gibt, werden wir uns dement­sprechend vorsichtig verhalten. Das beginnt bei der Begrüßung, das geht über den wichtigen Abstand und endet noch lange nicht bei der Vermeidung von Nähe. Wir alle vermissen die uns dadurch abhanden gekommene Unschuld der spontanen Begegnung, aber ich bin sicher, bald werden wir sie wieder erleben. Darüber hinaus wird die Digitalisierung der Gesellschaft schneller und weiter vorangetrieben als vor der Krise. Dem müssen wir als Gesellschaft Rechnung tragen, wir werden uns verändern, Willich wird sich verändern.

Allerdings bleibt eine unveränderliche Komponente bestehen: Theater! Der Theaterraum als Ort der Menschlichkeit, als Spiegel der mensch­lichen Seele wird immer ein Ort der Lebendigkeit und Spontanität bleiben. Es wäre doch schrecklich, wenn immer alles komplett durch­ geplant wäre, es ist doch toll, wenn wir auf der Bühne live und in Farbe lebendige Kunst und Menschen sehen mit all ihren Fehlern, ih­ren Farben und ihrer wunderbaren Einzigartigkeit.

Red.: Ein anderes Thema: Hier in Willich heißt es, Sie schreiben an einem Stück. Was hat es damit auf sich?
J.B.: Obwohl ich den Sommer hindurch mit den Kolleginnen und Kollegen in ständigem Kontakt mit der Abwicklung der Festspiele 2020 beschäftigt war, hat meine künstlerische Seite für ein paar Wochen Schiffbruch erlitten. Sicher kennen das alle aus dieser ersten Zelt der Krise: Man war wie gelähmt, ratlos, rastlos. Also habe ich mich zusammen mit meinen Freund Florian Battermann irgendwann dazu entschlossen, uns gegenseitig an den Haaren aus dem künst­lerischen Sumpf zu ziehen und ein Stück zur Zeit zu schreiben. Heraus gekommen ist die Komödie: „Ich hasse dich – heirate mich!“, eine rasante kleine Boulevard­Perle über eine junge Dame, die in der Co­rona Zeit ihren Beruf als Tanzlehrerin nur noch im Home Office aus­ üben kann, was wiederum ihren neuen Nachbarn unter ihr erheblich dabei stört, seinen Job als Sachbuchautor zu erledigen. Da die Dame sich entschlossen hat, nach all den Enttäuschungen mit den Män­nern, die sie erst so wunderbar und dann irgendwann gar nicht mehr wunderbar fand, als Nächstes einen Mann zu suchen, den sie von Anfang an nicht leiden kann, um nicht enttäuscht zu werden, kommt ihr der neue Mieter gerade recht! So entspinnt sich unter Einhaltung aller Abstandsregeln, das Stück spielt ja während einer Pandemie, eine schöne kleine Geschichte. Frau Otto, die neugierige Nachbarin, trägt ihr Übriges zu Irrungen und Wirrungen bei. Das Stück wird erfreulicherweise bereits von mehreren Theatern aufgeführt, was uns als kreative Köpfe inhaltlich ein wenig durch die Krise trägt.

Red.: Ist es für Sie eine Option, einmal ein eigenes Stück in Neersen aufführen zu wollen?
J.B.: Ich möchte vor allem sehr gute Stücke in Neersen aufführen. Ich denke, das ist bisher fast immer gelungen, ob diese Stücke dann von mir sind oder von anderen Autoren und Autorinnen ist eher zweit­rangig. Tatsächlich war die Bearbeitung von „Pater Brown“ mit Micha­el Schanze vor ein paar Jahren auch vom Team Bodinus/Battermann.

Red.: Kommen wir zu einer anderen Frage: Wie sieht es aus mit den Schlossfestspielen Neersen 2021? Was planen der Verein und Sie hinsichtlich Programm und Ensemble?
J.B.: Natürlich stehen wir in ständigem Kontakt. Die Vorgaben für Ver­anstaltungen ändern sich ja fast wöchentlich, also muss eine erhebli­che Flexibilität in der Planung her, selbst wenn der Sommer 2021 noch so fern scheint. Doch wer weiß schon, wann eine zweite, eine dritte oder vierte Welle kommt? Also habe ich diverse Spielpläne entwickelt, die sich schnell an die im nächsten Sommer herrschende Situation anpassen lassen. Diese Pläne stelle ich inklusive eines Hygiene­ und Sicherheitskonzeptes im August dem Vorstand vor und im September wird es dann eine Pressekonferenz zur Spielzeit 2021 geben. Wir pla­nen erst einmal eine ganz normale nächste Spielzeit mit dem wunder­ baren Programm und den Künstlerinnen und Künstlern aus diesem Jahr, auf die wir uns alle so gefreut haben. Ansonsten gilt: Handlungsschnell und ständig im Kontakt mit der Politik bleiben, die uns laut eigener Aussage immer unterstützen wird. Ein großes Danke dafür.

Red.: Sie hatten sich sehr gefreut, dass Kalle Pohl in diesem Jahr wieder nach Neersen kommen wollte. Wird er nächstes Jahr auch kommen?
J.B.: Wenn wir einen normalen Spielbetrieb aufnehmen können, freut sich Kalle Pohl wie Bolle auf Neersen. Und wir uns auf ihn!

Red.: Wann gehen die Vorbereitungen für 2021 los?
J.B.: Die haben am Tag der Absage für 2020 begonnen.

Red.: Herr Bodinus, Danke für das Gespräch.
J.B.: Ich danke Ihnen und freue mich auf das nächste Jahr. Auf jeden Fall steht fest: Es wird eine Spielzeit 2021 bei den Schlossfestspielen in Neersen geben!