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Erinnerung an die vertriebenen oder ermordeten jüdischen Mitbürger – Familie Kaufmann

von Willich erleben

Die Erinnerungskultur an die vertriebenen oder ermordeten jüdischen Mitbürger hat in Willich heute einen festen Platz. Wir möchten mit „Willich erleben“ einen Beitrag dazu leisten und berichten über die „Geschichte der Juden in Willich“ – Basis ist das Buch von Bernd-Dieter Röhrscheid und Stadtarchivar Udo Holzenthal. Im ersten Teil geht es um die Familie Sally Kaufmann in Schiefbahn. Die Stolpersteine zu ihrem Gedenken wurden vor dem Haus der Familie, Schulstraße 2 in Schiefbahn, verlegt.

Die Gestapo im Rheinland ließ in einer ersten „Welle“ bis zum Jahreswechsel 1941/42 tausende Menschen von Düsseldorf aus in Ghettos und Lager im besetzten Polen oder in der Sowjetunion verschleppen. Die meisten diese Menschen sahen ihre Heimat nie wieder: Sie wurden in die Ghettos eingepfercht und zur Zwangsarbeit herangezogen. Ab dem Frühjahr 1942 begannen dann die Deportationen von den Ghettos aus zu den Vernichtungsstätten.

Am Sonntag, den 26. Oktober 1941, konnten die Einwohner in vielen Ruhrgebiets- und niederrheinischen Städten und Dörfern 1003 Menschen beobachten, auf deren Kleidung, gut sichtbar der seit September des Jahres vorgeschriebene Zwangsstern prangte, die auf dem Weg zu einem von der Gestapo festgelegten „Treffpunkt“ waren.

So auch in Schiefbahn. Die sieben Mitglieder der Familie Siegmund (Sally) Kaufmann waren am 24. Oktober von der Gemeinde über die Ortspolizisten Schumann und Pauly darüber informiert worden, dass sie sich am kommenden Sonntag „um 13 Uhr auf dem Hof des Rathauses einzufinden“ hätten. „Der Transport wird durch den Fuhrunternehmer Juntermanns durchgeführt. … Bis 14 Uhr müssen die Juden in M. Gladbach Hbf. Eilgutschuppen eintreffen.“ Von dort aus wurde die Familie mit dem Zug mit 50 Personen bis zum Hauptbahnhof in Düsseldorf transportiert. Mit ihrem schweren Gepäck mussten sie dann zu Fuß bis zum Schlachthof an der Rather Straße gehen, der als Sammelstelle diente. Dort wurden sie registriert und ausgeplündert. In den kalten Hallen des Schlachthofes mussten 1003 Menschen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf vegetieren, bis sie am nächsten Morgen um vier Uhr, wieder zu Fuß, zur Verladerampe des Güterbahnhofs in Derendorf gehen mussten. Von dort wurden sie unter unmenschlichen Bedingungen in das Ghetto von Łódź (Litzmannstadt) verschleppt.

Im Ghetto lebte die Familie Kaufmann mit 66 Personen im Zimmer 6 der Kollektivunterkunft Fischstraße 21.

Sally Kaufmann (64) starb am 13. Juli 1942 völlig entkräftet im Ghetto. Ehefrau Josephine, geb. Kamp (63) wurde mit ihren Kindern Elisabeth (33) und Ernst (32) im September 1942 aus dem Ghetto „ausgesiedelt“, in Chelmno (Kulmhof) mit nahezu 100 anderen Menschen in den Laderaum eines Lastwagens geprügelt und durch Abgase des LKW vergast. Auch Tochter Thekla Heumann (34) wurde mit ihrem kleinen Sohn Herbert Philipp (4) im September 1942 in Cholm ermordet.

Nur Sohn Fritz Kaufmann überlebte, weil er sich zum Zeitpunkt der Transporte ins Gas als Zwangsarbeiter außerhalb des Ghettos in einem Arbeitslager befand. Er überstand später u.a. 1944 Selektionen in Auschwitz-Birkenau und wurde 1945 nach langen Märschen in Bad Tölz von den Amerikanern befreit. Nachdem er eine Zeitlang wieder in Schiefbahn gewohnt hatte, wanderte er 1950 in die USA aus.

Zur Erinnerung „Gegen das Vergessen“ wurden im Februar 2012, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, die ersten sieben Stolpersteine für die Familie Kaufmann vor deren ehemaligem Haus an der Schulstraße 2 verlegt. Im Dezember 2012 wurde eine Straße in Knickelsdorf, in unmittelbarer Nähe des alten jüdischen Friedhofs, mit „Kaufmannstraße“ benannt.

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