Gedanken zu Weihnachten – im Gespräch mit Pfarrer Rolf Klein

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„Weihnachten hat eine hohe Frequenz und ich sehe in den Gottesdiensten viele: Ich habe sie getauft, bei Beerdigungen begleitet oder beim Schützenfest – Meine Einstellung ist: Super, sie sind da und sie sollen einen schönen Gottesdienst haben“ – Für Pfarrer Rolf Klein von der ev. Emmaus-Gemeinde in Willich ist der Heiligabend ein besonderer Tag – aber in anderer Hinsicht als für die meisten Willicher: Er ist ein besonders intensiver Arbeitstag.

Der 60-jährige, der seit 30 Jahren Pfarrer in seiner Gemeinde ist, feiert mit den Mitgliedern seiner Gemeinde an diesem Tag fünf Gottesdienste – einerseits vor der Besonderheit dieses hohen Feiertages für die Christen weltweit und andererseits als Zielpunkt für die adventlichen Aktivitäten, die in der Emmaus-Gemeinde schon am ersten Adventsonntag begonnen haben – mit dem traditionellen Adventsbasar des ökumenischen Arbeitskreises „Hilfe für Frauen“ nach dem Gottesdienst. „Den Erlös spenden die Frauen seit Jahren für das Frauenhaus Viersen“, erklärt Rolf Klein. Weitere Tradition im Advent sind die abendlichen Gottesdienste am Mittwoch, bei denen Klein immer aus einer Kunst-Installation den thematischen Mittelpunkt ableitet – in diesem Jahr wird das Thema „Weg“ im Fokus stehen. Genauso gut gehört aber auch die Weihnachts-Jazz-Veranstaltung am 2. Advent zur Vorbereitung in der Gemeinde.

s06_07_gedanken_zu_weihnachten_017Am Heiligabend feiert Klein in seiner Willicher Gemeinde die fünf Gottesdienste, seine Kollegen in Schiefbahn und Neersen jeweils zwei. „Wir machen es immer so, dass jeder Kollege in seinem Gemeindebezirk die Gottesdienste durchführt“, so Klein – und für ihn beginnt der Feiertag um 11:00 Uhr mit der Feier im Altenheim Moosheide. Um 15:00 Uhr ist dann Gottesdienst für Familien mit Kleinkindern, um 16:30 Uhr Familien-Gottesdienst für die etwas älteren Kinder. „Den Kleinkinder-Gottesdienst gestalte ich mit drei Handpuppen, für die Größeren ist das Kindermusical eine Tradition“, so Klein. Der Haupt-Gottesdienst mit dem Chor beginnt um 18:00 Uhr und um 22:00 Uhr ist ein „stiller abschließender Gottesdienst“, beschreibt er.

Um die Gottesdienste zu gestalten, sammelt er in den Vormonaten Material, das in Frage kommen könnte. In diesem Jahr werden etwa der Inhalt eines Buches, das er vor kurzem gelesen hat, und seine Überlegungen dazu einen Gottesdienst beeinflussen.

Ganz wichtig ist ihm, dass er seine Predigten zwar in Stichpunkten gut vorbereitet, aber im Gottesdienst frei spricht und immer den Blickkontakt zur Gemeinde hält. Er sehe dann, wer da sei und greife unter Umständen über einen Satz einen Gedanken auf, der speziell für dieses Gemeinde-Mitglied gedacht ist.

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Weihnachten ist – trotz aller Aussagen über Erwartungen, Geschenke und eines zu kommerziellen Festes – für die Menschen immer ein hochsensibles Fest. Sie möchten Atmosphäre, die vertrauten Lieder und Abläufe, vielleicht die Erinnerungen an die Kindheit – und für Klein ist es deswegen keine Frage, ob der Mensch vor ihm regelmäßig oder nur sporadisch in die Kirche kommt: „Gottesdienst ist immer öffentlich, wer kommt, der kommt – ich freue mich über jeden und weiß, dass auch viele katholische Menschen kommen“, meint er. Kirche sei für den Menschen da, betont er – nicht umgekehrt: „Ich sehe mich als Dienstleister. Die Menschen haben eigene Meinungen und Vorstellungen, darüber kann ich nicht hinweg gehen. Ich kann nicht als Pfarrer den Leuten die Welt erklären“.

Dazu kann er sich aber auch immer wieder über eine Reaktion auf das, was er in seinen Predigten ausführt, freuen: „Manchmal kommt das ganz direkt nach dem Gottesdienst, manchmal dauert es aber auch Jahre, weil den Menschen ein Thema in Erinnerung bleibt“, aber wenige Menschen bekämen so viel Reaktionen auf ihre Arbeit wie ein Pfarrer. Der Pfarrer sei bei den Predigten frei in seinen Entscheidungen – es gebe keine Vorschriften aus dem Presbyterium, betont er.

Respektlosigkeit ist bedauerlich
Trotz aller Besinnung auf Kindheit und liebgewordene Gebräuche zu Weihnachten – Pfarrer Klein verkennt nicht, dass es auch Ablehnung oder Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche gibt – und hat keine Scheu davor, einmal einen Menschen mit so einer Einstellung heraus zu fordern: „Wenn ich zum Beispiel bei einer Hochzeit einen Menschen erlebe, der von vornherein mit Desinteresse in den Gottesdienst kommt, nur weil es dazu gehört. Dann möchte ich den ansprechen und erreichen. Wenn die Leute einem keine Chance geben, das finde ich nicht fair“.
Er erlebe, dass die Menschen Kirche respektlos gegenüber treten – empört hat ihn jüngst ein Autofahrer, der an einem Beerdigungszug vorbei fuhr und unbedingt überholen musste. Das passiere „aber nicht zu Heiligabend. Die Leute, die in die Gottesdienste kommen, wollen hören“, meint er.

Was bedeutet Weihnachten?
Zu dieser Frage gebe es eine Umfrage – Weihnachten sei Tradition, ein Fest, das mit Familie zu tun habe, aber „auch ein Fest mit riesengroßen Erwartungen an Harmonie und Freude. Das Theologische steht nicht im Vordergrund“, meint er – und kommt auf eine andere grundsätzliche Überlegung: „Religion und Glaube gehören heute zu den Tabu-Themen – darüber spricht man nicht. Das ist intim geworden, die alte Sprache wird nicht mehr verstanden“.

Rolf Klein liebt seinen Beruf – auch wenn dieser manchmal schwierig sei: „Wenn mir etwas an die Nieren geht, dann ist es wichtig, dass ich meine Frau habe: Sie sieht mich nur an und fragt: Schlimm? – und ich brauche es nur zu bestätigen“, beschreibt er.
Wichtig sei es immer, eine professionelle Distanz zu halten, denn wenn er selber zu nahe an einem Thema sei, dann könne er nicht tun, was er tun solle. Denn zu seinen Arbeitsbereichen gehört auch die Notfallseelsorge – wenn etwa die Mitglieder der Willicher Feuerwehr belastende Einsätze hatten.
Man entwickele mit den Jahren Mechanismen und Wege, auch für sich selber zu sorgen – und dann kommt aber auch mit voller Überzeugung der Satz: „Toll ist es, wenn ich das Gefühl habe, dass ich es so gemacht habe, dass es für die Menschen tröstlich gewesen ist!“