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Geschichte erleben: Die Altentransporte nach Theresienstadt

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Familie Lion Juden Geschichte Willich

Ab dem 26. Juli 1942 waren die Altgemeinden in Anrath, Neersen, Schiefbahn und Alt-Willich „Judenfrei“. Die jüdischen Mitbürger, die in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben, verschleppt oder ermordet wurden, sollen in Willich nicht vergessen werden. Viele Menschen engagieren sich in der Erinnerungskultur – und auch wir möchten einen Beitrag leisten.

Dritte Deportation in 1942

Im Oktober und Dezember 1941 transportierten die Nationalsozialisten mit ihren ersten Deportationen aus dem Rheinland vor allem jüngere Juden mit ihren Kindern nach Litzmannstadt (Lodz) und Riga. Darunter waren auch Mitglieder der Schiefbahner Familien Sally Kaufmann, Albert Rübsteck und Lazarus Wallach. Aus Anrath wurden Mitglieder der Familien Servos und aus Alt-Willich das Ehepaar Albert und Karoline Lion deportiert. Nur zwei Juden überlebten den Holocaust. Friedrich Kaufmann und Werner Rübsteck.

In der Zeit vom 16. Juni bis zum 3. Oktober 1942 folgten dann die Deportation von mehr als 4000 „privilegierten Juden“ aus dem Rheinland, die bislang verschont geblieben waren. „Das waren Juden über 65 Jahren, Schwerkriegsbeschädigte, aus dem Ersten Weltkrieg, solche mit Kriegsauszeichnungen wie dem EK I und EK II, sowie Halbjuden und Menschen aus Mischehen“, berichtet Bernd-Dieter Röhrscheid.

Am 16. Juni 1942 wurden von Köln aus Berta Lachs (*1870), geb. Kaufmann, Selma Steinberg (*1871), geb. Kaufmann und deren Schwestern, Emma (*1874) und Henriette Kaufmann (*1875) deportiert. Alle vier wurden als Töchter von Isaac Kaufmann und dessen Ehefrau Caroline Cappel in Schiefbahn geboren. Sie hatten lange gemeinsam in Altenessen gelebt und waren 1941 nach Köln zu Verwandten „geflüchtet“. Kurz vor der Deportation wurden sie im Gemeinschaftslager in Köln Müngersdorf interniert.

Die vier Schwestern wurden wenige Tage nach ihrer Ankunft in Theresienstadt nach Treblinka verschleppt und im dortigen Vernichtungslager ermordet.

Bertas und Selmas Kinder konnten, bis auf Tochter Martha Lachs (*1899), alle nach England, in die USA oder nach Israel flüchten. Emma und Henriette blieben kinderlos. Sie alle gehörten zur großen Familie Kaufmann in Schiefbahn.

Die „Altentransporte“ im Juli 1941 ab Düsseldorf nach Theresienstadt

Am 21. Juli wurden Sophie Wallach, geb. Löwenstein und Moses Rübsteck, die seit April 1942 im Jüdischen Altenheim in Düsseldorf gelebt hatten, mit allen Bewohnern des Altenheims nach Theresienstadt ins Ghetto deportiert. Zuletzt hatten Sophie Wallach und Moses Rübsteck bis Anfang April 1942 noch im „Judenhaus“ der Familie Kaufmann, in der Willicher Straße 7 in Schiefbahn, gelebt. Durch die Hilfe von Tochter Klara Rosenberg, geb. Wallach, die mit ihrem Mann Albert seit 1939 die Leitung des jüdischen Altenheims Grafenberger Allee 78 in Düsseldorf übernommen hatten, konnten die beiden alten Menschen Anfang April dort unterkommen.

Klara und Albert Rosenberg wurden im November 1941 nach Minsk ins Ghetto deportiert. Ob sie später in Sobibor oder Maly Trostinez ermordet wurden, konnte nicht geklärt werden.

Die 89-jährige Sophie Wallach und der 85-jährige Moses Rübsteck wurden im September 1942 noch von Theresienstadt ins Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet.

Juli 1942 – Der Zug nach Theresienstadt

Vor fast genau 80 Jahren fuhr am 25. Juli 1942 ein weiterer Zug von Düsseldorf aus nach Theresienstadt. In ihm saßen 977 ältere jüdische Menschen vom linken Mittel- und Niederrhein.

Aus dem Kreisgebiet Kempen-Krefeld waren 91 Juden betroffen. Darunter auch neun Juden aus den Altgemeinden der heutigen Stadt Willich. Bereits am 24. Juli 1942 hatten Polizei und Gestapo sie in Anrath, Schiefbahn und Willich aus ihren Häusern geholt, um sie im offenen Lastwagen nach Krefeld zu bringen. Vom Krefelder Güterbahnhof wurden sie mit dem Zug nach Düsseldorf-Derendorf transportiert. Dort mussten sie im Schlachthof die kommende Nacht überstehen.

Die Wagen aus Krefeld wurden am 25. Juli 1942 an den Zug „Da 71“ der Deutschen Reichsbahn angehängt. Der Transport setzte sich aus Deportierten aus den Regierungsbezirken Aachen und Düsseldorf zusammen. Mit insgesamt 977 Juden verließ der Zug am Mittag den Bahnhof in Richtung Theresienstadt.

In den Wagen der dritten Klasse saßen Emmy und Sieghard Cassel, Max, Rosa und Gabriel Servos (alle aus Anrath), Arthur und seine Tante Rosette Lion, geb. Metzger, aus Willich und die von Kindheit an ans Bett gefesselte, gelähmte 88-jähige Sara Kaufmann aus Schiefbahn. Sie lebte zuletzt alleine im Haus Willicher Straße 7 und war von der langangestellten, mutigen Schiefbahnerin Katharina Wienands bis zur Deportation versorgt und verpflegt worden. Trotz Schwierigkeiten mit der Gemeindeverwaltung hatte Frau Wienands diese Aufgabe nicht aufgegeben.

Von den rund 977 von Düsseldorf aus Deportierten überlebten nur 61 Menschen.

Die in Willich geborenen Rosette Lion, eine Schwester von Arthur, die nach Krefeld verzogen war und von Krefeld aus deportiert wurde, überlebte diese Deportation. Sie kehrte im Januar 1945 nach Krefeld zurück.

Von den aus den Altgemeinden Willichs deportierte „Alten“ überlebte niemand. Emmy Cassel starb im Oktober 1942 in den Krankenstuben des Ghettos, während ihr Mann im Mai 1944 noch nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurde. Gabriel Servos starb im September 1942 in Treblinka. Sara Kaufmann starb schon im August 1942, Arthur und Rosette Lion sind im Januar 1943 im Ghetto gestorben. Max Servos starb im März 1944. Seine Frau Rosa starb am 23. Januar 1944, nach Angaben der Todesfallanzeige angeblich an einem „Herzfehler“.

Ab dem 26. Juli 1942 waren die Altgemeinden „Judenfrei“.

Für Sophie Wallach, Moses Rübsteck, Emmy und Sieghard Cassel, Gabriel Servos, Max und Rosa Servos, Arthur und seine Tante Rosette Lion und für Sara Kaufmann wurden in den drei Stadtteilen ab dem Jahr 2012 Stolpersteine „Gegen das Vergessen“ verlegt. Die Initiative und Durchführung der Verlegungen ging von Schülerinnen und Schülern des St.-Bernhard-Gymnasiums unter Leitung von Bernd-Dieter Röhrscheid aus. Unterstützt wurde die Initiative durch den Stadtarchivar Udo Holzenthal.

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