Foto: Stadtarchiv

Das Gefängnis wurde als Sofortmaßnahme zur Bekämpfung der Wirtschaftsschwäche Anraths 1898-1904 gebaut.

VORGESCHICHTE

1898 beschloss die preußische Regierung, aufgrund der schlechten Lage Anraths ein Gefängnis zu bauen, das vor allem die überbelegte Anstalt in Düsseldorf entlasten sollte.

Dafür kaufte sie im Dezember 1899 vom Landwirt Hammes (Gietherhof) für rund 77.000 Mark ein neun Hektar großes Stück Land im Norden der Gemeinde. Mit den Bauarbeiten wurde im Mai 1900 begonnen, wobei die benötigten Ziegel von der Ringofenziegelei an „Brockmanns Kull” herangebracht wurden.

Beide Komplexe wurden im romanischen Stil errichtet. Die kreuzförmige Vierflügelanlage des Männergefängnisses bildete den Mittelpunkt der Anlage, ihr gegenüber lag das wesentlich kleinere, T-förmige Weibergefängnis.

Um diese beiden Gebäude gruppierten sich die 23 Wohnhäuser der Bediensteten. In den beiden Häusern, die sich unmittelbar an der Hauptzufahrtsstraße des Anstaltskomplexes befanden, wohnte der Direktor des Gefängnisses und der Anstaltsgeistliche.

Die Gesamtkosten für den Bau des Königlichen Gefängnisses beliefen sich auf rund 2.750.000 Mark.

FERTIGSTELLUNG

1902 war das Weibergefängnis mit seinen 211 Plätzen fertiggestellt. Dort wurden nun 370 Inhaftierte aus der Anstalt Düsseldorf-Derendorf untergebracht, die bereits seit dem Vorjahr am Bau des Männergefängnisses mitwirkten. Zum 1.4.1904 wurde auch das Männergefängnis mit seinen 546 Plätzen fertiggestellt und alle Inhaftierten von Derendorf nach Anrath verlegt. Endgültig abgeschlossen wurden die Arbeiten 1905.

Ein Jahr später wurden Frauen aus dem Gefängnis Lingen/Emsland in das Anrather Weibergefängnis überführt. Dieses wurde 1926 in Frauengefängnis umbenannt, seit 1941 hieß es Frauenzuchthaus – eine Bezeichnung, die sich bis 1969 halten sollte. Im Ersten Weltkrieg diente das Gefängnis zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. Zwischen 1915 und 1918 waren dort 1.258 Gefangene – 15 Belgier und 8 Franzosen verstarben und wurden auf dem Anrather Friedhof bestattet.

DAS GEFÄNGNIS IN DER NS-ZEIT

Beide Anstalten dienten bis 1933 der Verbüßung von Gefängnisstrafen und waren meist nicht vollständig belegt. Doch schon im November 1933 betrug die Gesamtbelegung 1.040 Männer und Frauen – doppelt so viele wie noch 1928. Dabei handelte es sich zunehmend um politische Gefangene, die erst in Anrath untergebracht und von dort aus später in die Konzentrationslager geschickt wurden.

Ende Juli 1940 wurde in Wien und Umgebung eine Gruppe österreichischer Widerstandskämpfer verhaftet, 82 männliche Gefangene kamen als Untersuchungshäftlinge nach Anrath. Nach dem Tod des Abtes Bernhard Burgstaller am 1. November 1941 wurden die meisten Mitglieder dieser Gruppe auf andere Gefängnisse der Umgebung verteilt. Die Anführer wurden schließlich 1944 in Wien gehenkt.

Die politischen Gefangenen wurden meist sehr schlecht behandelt, erhielten kaum Nahrung, lebten in ungeheizten Zellen und erhielten während der Bombenangriffe keinen Zugang zu den Schutzräumen.

Fast alle Inhaftierten mussten arbeiten – die weiblichen Gefangenen in der Militärschneiderei des Gefängnisses, die Männer in der Produktion von Briefumschlägen. Das Arbeitssoll betrug pro Kopf und Tag 1.600 Briefumschläge. Viele Inhaftierte arbeiteten in Außenkommandos, 1945 waren es beispielsweise über 200. Dazu gehörte die Arbeit in benachbarten Fabriken, aber auch Räumarbeiten nach Bombenangriffen in den Städten.

In einer Beschreibung des Gefängnisses durch das Internationale Rote Kreuz heißt es: „Gefängnis für Frauen – sehr strenge Bestimmungen. 12 bis 14 Stunden Arbeit in den Zellen oder Werkstätten. Die Frauen, deren Strafe leicht waren, arbeiten in Kommandos.“

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Inhaftierte mit geringeren Haftstrafen entlassen und zum Militärdienst eingezogen, die Gesamtbelegung sank auf ca. 500 Personen. Doch mit der Eroberung fremder Gebiete stieg die Zahl der Inhaftierten dramatisch an. Allein 1943 wurden 2.600 Gefangene in Anrath eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich sowohl im Männergefängnis als auch im Frauenzuchthaus überwiegend Ausländer, vor allem Polen, Belgier und Niederländer.

Dazu kamen sogenannte „Schutzhäftlinge“ aus Frankreich und Österreich, zum Beispiel die Nichte des späteren französischen Außenministers Georges Bidault, welche im Gefängnis verstarb.

Für viele Häftlinge war Anrath nur eine Zwischenstation bis zum Beginn des Prozesses oder der Überstellung in ein zentrales gelegenes Gefängnis, in ein Arbeits- oder ein Konzentrationslager.

Eine weitere Welle von Häftlingen folgte nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944. Noch einmal nutzten die Nationalsozialisten die Möglichkeit, missliebige Personen zu inhaftieren und ihnen den Prozess zu machen. Dazu gehörte der Krefelder Landtagsabgeordnete Fritz Lewerentz, der am 23. September ins KZ Oranienburg verlegt wurde und auf dem Marsch nach Bergen-Belsen starb.