Das Schloss Neersen geht auf eine „Motte“ (ein vorwiegend in Holzbauweise errichteter mittelalterlicher Burgtyp, dessen Hauptmerkmal ein künstlich angelegter Erdhügel mit einem meist turmförmigen Gebäude ist) aus dem 11. Jahrhundert zurück. In den beiden vorigen Ausgaben von Willich erleben hat Stadtarchivar Udo Holzenthal die historische Entwicklung beleuchtet – in dieser Ausgabe geht es um die heutige Nutzung, über die er berichtet…

DER WIEDERAUFBAU DES WESTFLÜGELS

Den letzten Besitzerwechsel gab es am 1. Januar 1971, als die junge Stadt Willich den Besitz (60.477 m²) kaufte. Die offizielle Übergabe erfolgte am 18. Januar 1971. Nach Abschluss der ersten Sanierungsmaßnahmen wurde das Bauverwaltungsamt im Schloss untergebracht, die zwei größten Räume wurden fortan als Sitzungszimmer genutzt.

Am 27.März 1973 beschloss der Stadtrat, die Ruine des Westflügels wieder auf zu bauen. Im Dezember 1974 beauftragte der Bauausschuss den Kölner Architekten Hanns-Fritz Hoffmanns mit der Gesamtbetreuung des Projekts. Hoffmanns war von Landeskonservator Dr. Moersch vorgeschlagen worden.

1977 wurde Richtfest gefeiert. Im September 1980 fand mit der Verleihung des Ehrenrings an Berthold Nelke die erste Veranstaltung im fertiggestellten neuen Ratssaal statt. Am 7.Oktober 1980 tagte dort erstmals der Stadtrat.

Im Sommer 1981 wurde die Restaurierung des Kleinen Sitzungssaals abgeschlossen. Zu erheblichen Auseinandersetzungen kam es in der Politik im Zusammenhang mit der Anbringung einer Gedenktafel für den Neersener Heimatforscher Peter Vander 1981. Angesichts der NS-Vergangenheit Vanders beantragte die SPD im März 1982, die Tafel wieder abzunehmen. Dieser Antrag erhielt allerdings keine Mehrheit.

Im Mai 1982 waren die Arbeiten weitestgehend abgeschlossen. Zu einem Tag der offenen Tür am 9. Mai 1982 kamen über 2.800 Besucher. Seitdem dient Schloss Neersen als Sitz der Stadtverwaltung, ist Tagungsort des Rates und der Ausschüsse, schließlich auch Veranstaltungsort zahlreicher kultureller Veranstaltung, hier vor allem – seit 1984 – der Festspiele Schloss Neersen. Nach der Änderung der Gemeindeordnung und der Einführung eines hauptamtlichen Bürgermeisters wurde das Schloss auch offiziell Rathaus der Stadt Willich.

Im Oktober 1984 wurde im ersten Stock des Schlosses eine Gedenktafel für die Opfer von Flucht und Vertreibung angebracht. Diese Tafel ging auf einen Antrag des Vertriebenenbeirates aus dem Jahre 1977 zurück.

Im Januar 1985 kam im Rahmen eines Kammerkonzerts erstmals der neu angeschaffte Steinway-Flügel zum Einsatz. 1986 richtete der Westdeutsche Rundfunk erstmals ein Kammerkonzert im Ratssaal des Schlosses aus.

1987/1988 wurde das Allianzwappen im Tympanon vom Schloss restauriert. 1989 fand erstmals um das Schloss herum der von der Neersener Kaufmannschaft organisierte Jazz- und Handwerkermarkt statt.

SCHLOSS NEERSEN ALS RATHAUS

Im Mai 1994 erwarb die Willicher Kulturstiftung der Sparkasse Krefeld ein historisches Zimmer-Ensemble des Hülsdonkhofs aus dem Jahr 1880 und stellte es der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Es erhielt einen festen Platz im Foyer des Ratssaals.

Im April 2004 begannen die umfassenden Sanierungsarbeiten im Dachgeschoss des Schlosses. Diese waren notwendig geworden, da beim Wiederaufbau in den 70er Jahren asbesthaltige Materialien verwendet worden waren. Im Februar 2005 wurden die Arbeiten abgeschlossen, die Gesamtkosten betrugen rund 1,6 Millionen Euro. Im Oktober 2005 wurde in einem ehemaligen Büroraum ein Trauzimmer eingerichtet, so dass es Brautpaaren nunmehr möglich war, im Schloss zu heiraten.

Am 11. September 2014 beschloss der Stadtrat, im Erdgeschoss des Fraktionsgebäudes eine Gastronomie einzurichten.