Die letzten Wochen haben unser Leben auf den Kopf gestellt: Das Corona-Virus hat einschneidend so ziemlich alles verändert – dass es eine Pandemie geben wird und was diese für Folgen hat, das hat sich wohl niemand vorstellen können. Willich erleben hat mit Pfarrer Joachim Schuler von der ev. Emmaus-Gemeinde in Willich und einer der Notfallseelsorger im Kreis Viersen darüber gesprochen, wie sich die Situation auf die Menschen in der Stadt ausgewirkt hat.

Red.: Herr Schuler, wie haben Sie die Menschen in den letzten Wochen erlebt?

J.S.: Als die ersten Nachrichten über das Virus aus China hier bei uns ankamen, war alles noch weit weg von uns. Die meisten haben damals nicht registriert, dass dies eine Gefahr für uns werden könnte. In den letzten Wochen haben sich aber die Ereignisse überschlagen. Die Menschen geraten immer mehr in Sorge. Die meisten bleiben zwar gelassen, aber viele beschleicht mittlerweile ein mulmiges Gefühl. Sie sorgen sich um sich selbst, um ihre Familien und vor allem um die eigenen Senioren.

Red.: Man hört oft die Aussage: „Mir kommt das alles so un­wirklich vor“ – und letztlich ist ja ein Virus eine für den Men­schen unsichtbare Sache. Wird es dadurch schwieriger, die reale Gefahr zu begreifen?

J.S.: Sicherlich ist die Gefahr dadurch schwerer zu begreifen. Wie soll ich mich und mein Umfeld schützen? Man sieht ja nicht nur das Virus nicht, sondern auch den anderen nicht an, ob sie infiziert sind. Wenn mein Gegenüber schnupft oder hustet, ist er nur erkältet oder hat er das Virus? Das ist meiner Meinung nach auch der Grund für die Hamsterkäufe. Man will irgendwie agieren, weiß aber nicht so richtig wie. Also legt man Vorräte an, obwohl eigentlich kein Mangel herrscht. Man will vorbereitet sein, gerade weil die persönliche Zukunft bezüglich einer eigenen Erkrankung so ungewiss ist.

Red.: Der größere Teil der Bevölkerung – die jungen Menschen, gesunde Menschen im „mittleren“ Lebensalter – sind laut den Aussagen der Experten nicht so sehr selbst gefährdet. Aber jetzt sind sie als Überträger der Viren für andere / ältere Menschen gefährlich. Führt dieses Wissen dazu, dass sie ihre Haltung verändern?

J.S.: Ich nehme immer mehr wahr, dass sich jüngere und mittelalte Menschen dafür sensibilisieren. Viele besuchen mittlerweile nicht mehr die Eltern und Großeltern oder wenn, dann nur eingeschränkt. Man skypt mehr oder macht Videotelefonate, um die älteren Verwandten oder Freunde nicht zu gefährden. Aber das ist für viele eine harte Prüfung, gerade für ältere Menschen. Denn die persönliche Begegnung oder das Herzen und Umarmen ist ja gerade in Krisenzeiten wichtig, um durch Nähe Ängste zu nehmen. Doch die Vernunft siegt.

Red.: Die Einschränkungen im Arbeits­ und Erwerbsleben be­lasten viele – bis zur Existenzangst, die Angestellte und Selbst­ ständige gleichermaßen trifft. Was kann man tun?

J.S.: Eine solche Krise, die alle Gesellschaftsschichten und -bereiche sowie alle Länder der Erde betrifft, habe ich noch nicht erlebt. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, dass ich in diesem Bereich Ratschläge geben könnte. Aber im familiären und nachbarschaftlichen Umfeld bzw. was unsere sozialen Kontakte anbetrifft, kann ich mir einiges vorstellen: Sensibel füreinander werden, wo Hilfe gebraucht wird. Soziale Kontakte pflegen. Niemanden zurücklassen, gerade dann nicht, wenn sich jemand oder gar eine Familie zurückzieht, weil sie vielleicht wirtschaftliche Probleme haben. Einfach verstärkt aufeinander achten und füreinander da sein. Im Moment muss das leider über technische Hilfsmittel wie Telefon passieren. Aber wenn die Epidemie überstanden ist, sollten wir dieses Miteinander, das wir auf vielen Ebenen neu ausüben und wertschätzen lernen, weiterführen.

Red.: Die Situation verändert ja auch das Leben der Kinder: Keine Kita, keine Schule, kein Treffen mit Freunden – Kann das zu Ängsten bei Kindern führen und wie gehen wir Erwachsene am besten damit um?

J.S.: Man kann Kindern nichts vormachen. Sie merken und spüren instinktiv, wenn etwas nicht stimmt. Also sollte man mit ihnen über die Situation reden, ohne ihnen Angst zu machen. Dass wir alle auf- passen müssen, damit Oma und Opa oder eben andere ältere Verwandte und Freunde nicht angesteckt werden. Kinder sind da meistens mindestens so emphatisch und verständnisvoll wie wir Erwachsenen.

Red.: Haben Sie in Ihrer Arbeit als Seelsorger verstärkt Anfragen registriert?

J.S.: Bezogen auf die Corona-Krise noch nicht. Aber man spürt es in allen Bereichen der Gemeindearbeit. Gottesdienste, Gruppen und Kreise mussten eingestellt, Kindergärten geschlossen werden. Das Osterfest werden wir nicht wie gewohnt feiern können. Beerdigungen müssen direkt am Grab und ohne Trauerfeiern in Kirchen oder Ka- pellen stattfinden. Das belastet die Menschen enorm. Wir von der Emmausgemeinde sind dabei, uns alternative Formen zu überlegen und umzusetzen. Seelsorglich halten wir Kontakt zu den Menschen, die sonst unsere Gruppen und Gottesdienste besuchen. Dabei habe ich persönlich mit einigen anderen den Fokus auf unsere Senioren gelegt. Wir rufen sie regelmäßig an und unterhalten uns mit ihnen. So hören wir heraus, ob wir aktiv helfen können, z.B. Einkäufe tätigen. Mitunter kommt so das ein oder andere Seelsorgegespräch zustande. Wichtig ist eben, dass sie nicht vereinsamen, weil sie sich wenig oder gar nicht mehr vor die Haustüre trauen.

Red.: Es gibt ja auch bemerkenswert viele Initiativen und Hilfs­aktionen, die Bürger spontan initiieren – Sind wir Menschen doch besser als unser Ruf?

J.S.: In unseren doch eher dörflichen Strukturen in der Stadt Willich haben wir eine hohe soziale Dichte. Ob die Stadt selbst, Schulen, Kirchengemeinden, Bruderschaften, die Feuerwehren, Vereine, aktive Nachbarschaften oder andere ehrenamtlich organisierte Bereiche, alle spannen in dieser Krise ihre Netze auf, durch die viele aufgefangen werden. So entstehen viele kreative Initiativen und Hilfsaktionen. Viele wollen helfen. Das ist schön. Vielleicht können wir das ein oder andere in unseren zukünftigen Alltag hinüberretten und so sensibel und aktiv für andere bleiben, die Hilfe brauchen.

Red.: Was kann man sonst noch tun, um die psychische Be­lastung der Menschen abzufedern?

J.S.: Das einfachste ist in Kontakt zu bleiben bzw. Kontakt neu aufleben zu lassen. Im Moment eben auf technischem Wege, per Telefon, Email usw. Oder man schreibt wieder mal einen Brief oder eine Postkarte. Es gibt doch nichts Schöneres als zu erleben, dass jemand an mich denkt. Für mich persönlich ist in solchen Zeiten auch das Gebet noch wichtiger als sonst. Mit Gott sprechen, ihm meine Sorgen und Nöte benennen und ihm all die Menschen, die mir am Herzen liegen, fürbittend anvertrauen. Das tut einfach gut.

Red.: Wir alle hoffen ja auf ein baldiges Ende dieser Ausnahme­situation. Was können wir aus dieser Erfahrung lernen?

J.S.: Was mich in der Krise beeindruckt, ist, dass die Menschen so schnell – spontan oder organisiert – füreinander da sein können. Denn vor dieser Krise haben viele – ich auch – den in unserer Gesellschaft um sich greifenden Individualismus kritisiert, der oft mit einem gewissen Materialismus einhergeht. Nun entdecken wir ein neues Miteinander. Wir merken, dass es schön und erfüllend sein kann, anderen zu helfen. Wir lernen gerade, dass nur gelebte und praktizierte Werte wie Nächstenliebe und Nächstenhilfe eine Gesellschaft zusammenhalten und damit weiterbringen können. Und ganz wichtig: Dass die zu diesen Werten korrespondierenden sozialen Berufe und deren Einrichtungen mehr Wertschätzung und vor allem mehr materielle und finanzielle Ausstattung und Bezahlung brauchen und verdienen, als sie zur Zeit bekommen.