Seit nunmehr einem Jahr sind Kinder und Jugendliche besonders von der Pandemie Betroffene im Schulsystem. Abgesehen von den Lerndefiziten schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher wird nicht von den sozialen und emotionalen Defiziten geredet. Das Kindswohl soll offensichtlich durch Hygienekonzepte, Schnelltests und technische Ausrüstungen gesichert werden, nicht aber die Angst der Kinder und Jugendlichen um ihre Gesundheit, vor Erkrankung oder Verlust ihrer Angehörigen und vor der Zukunft. Dazu kommt der Wegfall von sozialen Kontakten, Anerkennung und positive Impulse, die für ihre Entwicklung benötigt werden. Die psychische Verfassung steht gar nicht erst zur Diskussion. „Homeoffice und Homeschooling hat Eltern, Kinder und Lehrer gleichermaßen nach einem Jahr mürbe gemacht“, sagt Christian-Mario Sagner Vorsitzender des Kinderschutzbund Ortsverband Willich e.V.

Die digitale Umstellung der Bildungsangebote hat die Errungenschaft der modernen bindungsorientierten und dialogischer Pädagogik in Vergessenheit geraten lassen. Eltern und Jugendeinrichtungen versuchten zu kompensieren, was die Schule digital nicht mehr leisten konnte. Gerade Unterstützungsleistungen der Kinder- und Jugendarbeit sind von hoher Bedeutung für Kinder mit besonderen Förderbedarf. Leider wurden Jugendeinrichtungen von dem Virus ausgebremst, bemängelt Barbara Jäschke, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Kinderschutzbund Willich.

Anstatt das Schulsystem und die Beteiligung der Schüler/innen auf Grund der gemachten Erfahrungen; Ängste, Wünsche und Interessen der Kinder und Jugendlichen für die Weiterentwicklung der Schule zu nutzen und neue Lehr-Lernarrangements auszuprobieren, hält man an Standards und Abarbeiten erprobter Wissensbestände fest. Die Schuljahre 2020 und 2021 unter Corona sind keine normalen Schuljahre.

Der Landesverband Schulpsychologie NRW e.V. und der Bundesverband Deutscher Kinderschutzbund e.V. warnen vor den weitreichenden Folgen und stellen folgenden Maßnahmenkatalog auf:

  • Angemessene Beteiligung junger Menschen an politischen und schulischen Entscheidungen und an der Gestaltung ihres Alltags
  • Anerkennung und praktische Umsetzung der Subjektstellung von Kindern und Jugendlichen in der Schule. Das bedeutet, dass sie mit ihren auch während der Pandemie neu erworbenen Kompetenzen, Erfahrungen und Ressourcen gesehen, gehört und direkt beteiligt werden.
  • Weiterentwicklung des Systems Schule zu einem Ort der ganzheitlichen Bildung und des sozialen Lebens und Lernens.
  • Entwicklung von Lösungen, die der Verlagerung der Verantwortung für Bildungsaufgaben und Bildungserfolge auf Eltern entgegenwirken. Stattdessen müssen Strategien und Maßnahmen entwickelt werden, um die Überforderungssituationen in den privaten Haushalten abzumildern.
  • Langfristig angelegte Unterstützungsmaßnahmen mit Kontinuität zur bedarfsorientierten
    Förderung der Persönlichkeit und der psychosozialen Gesundheit. Das bedeutet auch eine deutlich verbesserte flexiblere Kooperation zwischen Schule, Jugendhilfe und Gesundheitswesen.
  • Aktives Engagement gegen Verletzungen der Würde, soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung von Schüler: innen in Bezug auf Maßnahmen wie z.B. Schnelltests in Klassenräumen und auf den Umgang mit „Regelverstößen“ junger Menschen.
  • Entwicklungsgerechte Anpassung von Verordnungen, Kontaktregelungen, Hygiene- und Abstandsregeln an die Grundbedürfnisse und Verhaltensmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Ermöglichung von „Kontaktbudgets“ zugunsten von Kindern und Jugendlichen z.B. für Freizeitgestaltung statt für Shopping-Erlebnisse Erwachsener.
  • Investitionen und Bündelung von Ressourcen aller Beteiligten, um die entstandenen Nachteile aufzuarbeiten und gemeinsam neue Formen des Lernens und der Beteiligung zu entwickeln.

Barbara Jäschke weist darauf hin, dass Jugendhilfe und Schule unterschiedliche Aufträge haben und nach unterschiedlichen Strukturen funktionieren. Jugendhilfe hat den Auftrag, junge Menschen in ihrer individuellen sowie sozialen Entwicklung zu fördern, zu schützen und Benachteiligungen abzubauen sowie bei der Erziehung beratend zu unterstützen. Schule hat in erster Linie den Auftrag, Kinder und Jugendliche für ihr Leben und den späteren Beruf zu qualifizieren. Eine Kooperation zwischen den unterschiedlichen Systemen Schule und Jugendhilfe kann nur funktionieren, wenn es eine entsprechende Kooperationskultur gibt. Die dazu unerlässliche feste Kooperationsstruktur muss auch im Schulprogramm verankert und für jede Schulform möglichst individuell konzeptionell erarbeitet werden. An einigen Schulen wurden bereits Konzepte zur Verankerung der Schulsozialarbeit/ Schulpsychologie erarbeitet und vor allem die Aufgaben der Schulsozialarbeit beschrieben, andere Schulen befinden sich noch in diesem Prozess.

Der Kinderschutzbund Ortsverband Willich möchte ein „Netzwerk präventiver Kinderschutz“, dass auf die besonderen Herausforderungen und Neuerungen des Bundeskinderschutzgesetzes reagiert. Durch diese Fachstelle werden bestehende Netzwerke weiter ausgebaut und neue Kooperationen geschaffen. Angedacht ist ein „Qualitätssiegel präventiver Kinderschutz“ für alle Schulen inkl. der OGsen. Eine zentrale Aufgabe für diese Fachstelle ist die fachliche Beratung und Begleitung in Kinderschutzfällen gemäß § 8b SGB VIII.