Reiner Graf erzählt aus seiner Schiefbahner Kindheit

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Über diesen Brief haben wir uns in der Redaktion von Willich erleben sehr gefreut: Reiner Graf, der heute in Lünen lebt, hat uns diese Geschichte aus seinem „Willicher Leben“ geschrieben. Er kam als Schüler aus Burlo – heute ein Dorf / Stadtteil von Borken – nach Schiefbahn. Wir geben sie gerne ungekürzt in diesem Heft wieder:

Durch einen glücklichen Zufall bin in den Besitz Ihres Magazins gekommen: ein guter Bekannter wohnt in Ihrem Bereich und dem habe ich gelegentlich von meiner Vergangenheit erzählt – u.a. von Schiefbahn.

Ich war einer der 21 Schüler, die von Burlo aus (als Förderkurs Sexta von August 46 bis Ostern 47) nach Schiefbahn gebracht worden sind – auf einem LKW der Fa. Nellen – ich glaube, die gibt es heute noch – LKW mit Plane natürlich und langen Bänken. Wir fuhren mit Gepäck auf der Ladefläche u.a. über die Montgomery-Bridge – irgendwo am Niederrhein. Die Brücke ist in meinem Gedächtnis sehr präsent: Sie war wie aus Märklin-Elementen zusammengesetzt – sehr lang und hat laut geklappert. Wir fuhren Richtung Schiefbahn. Wir hatten keine Ahnung, was uns dort erwartet. Man sagte uns in Burlo, es sei ein schönes Haus, gar kein altes Kloster-Gemäuer mit großem Park – eben schön… Und insgesamt eben besser als das alte Kloster Burlo (altes Zisterzensier-Kloster mit Dachreiter). Wir trafen dort (in Schiefbahn) einen schönen Studiensaal an mit hohen Pulten – Bücherregal in Höhe der Knie! Man mußte daran hochklettern. Der Raum war auch unser Klassenzimmer.

Die Hauskapelle war hell mit Tuchbahnen ausgekleidet. Dahinter verbarg sich auch die Sakristei. Der Speisesaal glich einem richtigen kleinen Casino, lag im Keller. Soweit ich mich erinnern kann, war er holzgetäfelt (keine langen Bänke für 6 Personen wie im alten Refektorium in Burlo).

Der Unterricht (jeden Tag 1 – 2 Stunden Latein) wurde in erster Linie von Pater F. (Franziskus) Schwarz gehalten – Pater Schwarz wäre sogar Heiden-Missionar geworden – deshalb feiert e seinen Namenstag am Tag von St. Franziskus Xasius, dem Missionar.

2. Lehrkraft war Pater Ernst Zeimet, unser Zeichenlehrer und für Deutsch zuständig. Heute würde man ihn als Designer bezeichnen. Von ihm hingen viele große Grafiken im Kreuzgang Burlo – in Öl. Wenn er Namenstag hatte, wurden Geschichten vorgelesen. Bei einer dieser Geschichten fiel das Wort Ingenieur – dann eine Pause! – da warf ich etwas vorlaut ein: das konnten sie nicht schreiben! So bekam ich meine letzte Ohrfeige von einem Lehrer.

Das Leben in Schiefbahn St. Bernhard war wesentlich schöner als es in Burlo war. St. Bernhard hatte einen großen Park mit 3 großen Wiesen und einer Grotte, die später zur Freilichtbühne gemacht wurde. Es gab im Park den großen und den kleinen St. Bernhard – 2 kleine Hügel, vermutlich aus dem Aushub des Teiches vor dem Haus, nahe der Straße.

Und ganz hinten am Ende des Geländes war ein Feld, wo Kartoffeln und Tomaten angebaut wurden. Das machten die (Laien-) Brüder. Die hatten für die Bearbeitung einen Ein-Achs-Trecker.

Um das Haus – die große Villa – waren links und rechts die beiden großen Wiesen und vor dem Haus ein plattierter Platz, auf dem wir morgens zum Frühsport antraten – er diente auch als Hockey-Platz.

In der ersten Etage befand sich eine Bibliothek – ein Teil der Bücher hatte ich einbinden dürfen!!!

Davor war ein Balkon, auf dem zum „Angelus“ eine kleine Glocke geläutet wurde. Durfte ich auch hin und wieder läuten, weil ich auch eine Zeitlang Sakriston war (Hilfsküster für Kerzen und Weihrauchfaß).

Ich hatte auch als einer der wenigen Schüler, die eine Arm banduhr besassen, die Glocke – die Stimme Gottes, die ich vorher bei einem Mitschüler im Schlafsaal versteckt hatte. So etwas wurde gar nicht gern gesehen – Disziplin!!

Später wurde der ehemalige Schießstand (etwas abseits gelegen) in 2 Klassenzimmer umgebaut.

Im Flur davor war eine kleine Bücherei. Die Bücher waren für Sonntag vorgesehen – in erster Linie Karl May. Für den Schutzumschlag der Bücher war ich auch zuständig – ich weiß nicht, warum?

Und dann habe ich noch eine angenehme Erinnerung: Bei Pater Schwarz hatten wir Latein (u.a.) Und ausgerechnet bei der „Consecutio Temporum“ hat ich meine einzige 1 in der Klassenarbeit geschrieben. Sonst waren die Noten nur mittelmäßig.

Und bei Pater Zeimert habe ich mein Zeichentalent entdeckt, was für meine spätere Berufsentwicklung wichtig war. So durfte ich zu einer Cäcilienfeier ein Bild der hl. Cäcilia vom Buchseitenformat auf Tischgröße in Tusche vergrößern – mit Netz!)

Soviel ich weiß, ist nicht einer von uns 21 Ordensgeistlicher geworden. Einen habe ich mal in der Tagesschau gesehen – er war als Journalist im Ost-Berliner Büro des „Spiegel“ (Ulrich Schwarz, ein Neffe des Schulleiters P. Schwarz / unser Jüngster) Einer war zeitweilig Schlaf- und Speisewagen-Schaffner bei der DSG und später Sanitäts-Offizier-Ausbilder bei der Air Force in Wiesbaden (Georg Schaffrina). Einen, unser Scheich (benannt nach der Ben Hur-Lektüre im Speisesaal) sah ich ganz kurz im Hbf. Osnabrück (Leo Elskamp). Er war unser ältester Mitschüler und ich meine, er hätte vorher bei der Flak gedient. Wir hatten beide keine Zeit und so gab es nur ein kurzes „Hallo“.

Bei der Lektüre „St. Bernhard“ kommen mir viele Erinnerungen hoch. Und ich weiß nicht, was Sie davon interessiert.

Ich hatte schon aufgehört zu schreiben, weil meine alte „Adler“ nicht mehr wollte. Mir fällt das Schreiben von Hand schwer und ich hoffe sehr, dass Sie meine Klaue lesen können.

Nachdem ich gestern ein weiteres Magazin „Willich erleben“ bekam und ich die Hitze überbrücken muss, habe ich diesen Versuch unternommen. In Ihrem Magazin 3/2018 habe ich die alte Villa wieder erkannt, alles Andere kenne ich nicht mehr. In meinem Bastelkeller hängt noch ein altes Kofferschild mit der Adresse Parkstraße 11.

Ich würde mich freuen, gelegentlich von Ihnen zu hören.

PS: Ich bin jetzt 83 Jahre alt und nicht mehr so flexibel. Aber die Erinnerung kam doch hoch…