Sarah Elena Timpe im Interview mit Willich erleben

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Sie spielt im „gestiefelten Kater“ und in der „Feuerzangenbowle“– dazu führt sie mit ihrem Partner Samuel Koch an einem Termin eine Lesung aus der Briefsammlung „Damit wir uns nicht verlieren“ – der Briefwechsel zwischen der Widerstandskämpferin Sophie Scholl und dem Soldaten Fritz Hartnagel – durch.
In dieser Ausgabe von „Willich erleben“ möchten wir die 30-jährige Sarah Elena Timpe als ein Beispiel der vielen unterschiedlichen Darsteller im Ensemble der Schlossfestspiele Neersen vorstellen. Sie ist in dieser Spielzeit zum zweiten Mal in Neersen.

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Foto: Hagen Schnauss

Willich erleben: Frau Timpe, welche Rollen haben Sie?
Sarah Elena Timpe: Ja, zum einen spiele ich im Kinderstück, worüber ich mich sehr freue, da ich wahnsinnig gerne für Kinder spiele. Es macht so viel Spaß, wenn die Kleinen mitfiebern und mitschreien oder teilweise die Antworten vorausgeben. Darstellen darf ich zum einen die böse Hexe – was ich super finde, weil man mir das auf den ersten Blick vielleicht so nicht zutrauen würde – und als zweite Rolle die Katze – zwei völlig unterschiedliche Charaktere. In der Feuerzangenbowle, spiele ich die Eva Knauer – den Film mit Heinz Rühmann kenne und liebe ich, ich glaube, seit ich fünf bin.

Willich erleben: Dazu ist ja noch die Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel – jetzt etwas ganz anderes, Ihr eigenes Projekt mit Samuel Koch.
Sarah Elena Timpe: Ja, das ist unser eigenes „Baby“. Die Idee kam uns, weil mein Onkel hier in Ratingen einen Buchladen hat, ein Buch-Café „Peter & Paula“. Er macht jeden Donnerstag eine Veranstaltung und lädt Künstler ein. Da habe ich vor anderthalb Jahren gesagt ‚Mensch, da will ich mal was machen, einen eigenen Abend’. Samuel war auch total begeistert und hat die Briefe vorgeschlagen. Und da ich die Zeit in Neersen letztes Jahr echt toll fand – wie eine komplette Spielzeit an einem Theater mit Gastspielen, Jugendclub und Lesungen … habe ich Jan unseren Abend vorgeschlagen und er war sofort begeistert.

Willich erleben: Was finden Sie an dem Briefwechsel so spannend?
Sarah Elena Timpe: Es ist ein unglaubliches Zeitzeugnis, wie zwei junge Menschen diesen Krieg miterlebt haben und es geschafft haben, ihre Gedanken und Gefühle miteinander zu teilen. Dass beide, während er zum Beispiel in Belgien und Russland war, tatsächlich diesen Kontakt halten konnten. Noch dazu sind es zwei völlig unterschiedliche Menschen: Er, der erst sehr angetan ist vom Soldatentum; sie, die das eigentlich von Anfang an verabscheut hat. Und wie sich da die Meinungen annähern und sie mal den Weg wieder auseinander gehen und wieder zueinander finden…. Es ist ganz berührend, das zu lesen und dadurch mitzuerleben. Wahnsinn, wie sie mit 17 – so alt ist sie am Anfang – geschrieben hat – und er auch. Wie die sich zwei-, dreiseitige Briefe geschrieben haben und wir heutzutage mit unseren Handys dasitzen und uns einen Smiley oder ein „LOL“ schicken und damit alles gesagt zu sein scheint.

Willich erleben: Sie sagten, Sie arbeiten seit anderthalb Jahren an dem Projekt – ist das jetzt in Neersen die Premiere?
Sarah Elena Timpe: Die Idee kam uns vor anderthalb Jahren und seitdem haben wir immer wieder die Briefe gelesen, aussortiert. Der Abend schwebte uns im Kopf herum. Und Neersen war tatsächlich der erste Termin, der feststand und wir wussten: Ok, bis dahin müssen wir es schaffen. Jetzt haben wir es tatsächlich schon zweimal aufgeführt. Einmal am Staatstheater Darmstadt, bei der Late Night-Surprise. Was sehr spannend war, abends um 23 Uhr, die Leute zahlen Eintritt und sie wissen nicht, was kommt. Da haben wir gedacht: OK aufregend – hinterher ist immer Party – und wir kommen mit dem Zweiten Weltkrieg…. Aber die Zuschauer waren sehr angetan, sie kamen hinterher und sagten, es war sehr berührend und haben sich bei uns bedankt.
Das zweite Mal war auf einem Kulturfestival in einem Circus in München und Neersen wird die dritte Vorstellung sein.

Willich erleben: Und habt ihr schon etwas gemerkt an der Zuschauerreaktion?
Sarah Elena Timpe: Ja, sie sind total berührt und angetan, beim letzten Mal sind sogar Tränen geflossen. Wir selber waren noch sehr unsicher, weil wir nicht einschätzen konnten, wie lange die Leute dran bleiben bei einer Lesung. Und da war das Feedback, dass sie doch sehr gut mitfolgen konnten, wirklich gut für uns. Klar, jeder driftet mal ab mit seinen Gedanken, sie wussten aber immer wieder sofort, wo wir sind. Das kennt man ja.

Willich erleben: Wie bringt man einen Briefwechsel so zu Gehör – einfach vorlesen reicht ja nicht?
Sarah Elena Timpe: Das wird ein bisschen eine kleine Überraschung. Klar, wir lesen sie schon vor. Am Anfang haben wir überlegt, ob wir sehr viel darstellen und spielen.
Und dann haben wir die Idee gehabt, nein, wir halten es bewusst sehr schlicht. Es soll eine Lesung sein. Wir haben keine Briefe, sondern ziehen es mit Ipads ins Heute. Teilweise befinden sich Sätze in den Briefen, die kannst du eins zu eins ins Heute projizieren. Die Situation mit den Flüchtlingen und wie die rechtsradikale Szene immer wieder in den Vordergrund kommt…. Aber kleine Nuancen vom Spiel sind schon drin.
Und wir wollen dem Zuschauer die Gelegenheit geben, ein paar Briefe sacken und verdauen zu lassen.

Willich erleben: Kommen wir mal zu Ihnen: 30 Jahre, ich habe mal in Ihre Vita geguckt: Theater, Film, auch eine Soap Opera ist dabei. Warum sind Sie überhaupt in den Schauspielberuf gegangen?
Sarah Elena Timpe: Ich stand immer auf der Bühne, seit ich klein bin. Schon in der Grundschule in der Pause, bin ich drin geblieben und habe mit meinen zwei damaligen besten Freundinnen Choreographien geübt und Stücke entwickelt.
Später war ich natürlich auch in der Theater-AG. Naja und irgendwann war ich auch mal verliebt in Leonardo di Caprio (lacht) – ich glaube, Titanic habe ich 17 Mal im Kino gesehen…
Und dann habe ich erfahren, das kann man studieren – ein herrlicher Studiengang, man muss nicht so ewig lange Arbeiten schreiben sondern hat Fächer wie Sprechen, Gesang, Tanzen, Fechten… Da war irgendwie klar: Ich muss das machen. Es gab keine Alternative für mich. Ich bin ein Jahr vorsprechen gegangen und dann hat es geklappt und seitdem bin ich tatsächlich dabei.

Willich erleben: Sie arbeiten gerne mit Intendant Jan Bodinus zusammen – warum?
Sarah Elena Timpe: Von Anfang an haben wir uns gut verstanden, es ist einfach ein Vertrauen in die gegenseitige Arbeit da und noch dazu macht diese Arbeit Spaß. Besser geht es doch nicht.
Jan schaut auch immer darauf, dass es im Team untereinander stimmt, was, wie ich finde, unheimlich wichtig ist. Man wird wissen, es wird eine gute Zeit und Inszenierung werden.

Willich erleben: Sie machen die Schlossfestspiele Neersen jetzt zum zweiten Mal…?
Sarah Elena Timpe: Ich hatte letztes Jahr eine herrliche Zeit hier. Generell mag ich Sommer-Theater sehr. Man hockt mit seinen Kollegen meist irgendwo im Nirgendwo, weit weg von daheim. Dieses Jahr wohne ich allerdings in Krefeld bei meiner besten Freundin. Was noch ein Plus ist: Ich habe ganz viel Familie hier, die ich die restliche Zeit im Jahr nicht so oft sehen kann.
Die Kollegen sind toll. Einige kenne ich schon länger und man durchlebt gemeinsam einen witzigen Sommer. Schreit sich zum Beispiel auf der Bühne an, obwohl man nur einen Meter auseinander steht, weil es so stark regnet, dass man irgendwie über den Regen kommen muss. Naja… dann kam der Spielplan – und ich dachte: Mist, hauptsächlich sind da Männerrollen dabei – aber Jan rief an … und da bin ich wieder.

Willich erleben: Abschlussfrage: Warum sollten die Menschen die Schlossfestspiele Neersen besuchen?
Sarah Elena Timpe: Weil es eine wunder-, wunderschöne Stimmung ist, ein tolles Ensemble, tolle Stücke und man einen herrlich lustigen Sommerabend haben kann.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 03/2016 von „Willich erleben – Das Magazin“