Schiefbahner „Fetzer“ – als Schiefbahner nicht so friedlich waren

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Idealisierte Darstellung einer Räuberbande des frühes 19. Jahrhundert

Schiefbahner sind bekanntermaßen freundlich und friedfertig. Doch das war nicht immer so: Vor 250 Jahren wurde hier ein Mann namens Wilhelm Hüsgen geboren, der als Mitglied der Bande des legendären „Fetzer“ bekannt wurde und zahlreiche Raubzüge unternahm. Erst 1816 wurde der Mann, der sich in Räuberkreisen „Helmes von der Schiefbahn“ nannte, festgenommen und hingerichtet.

Hintergrund dieser Ereignisse war die Franzosenzeit (1794-1814): Im ganzen Rheinland bildeten sich Räuberbanden, die überall Angst und Schrecken verbreiteten und deren Bekämpfung von den französischen Behörden nicht konsequent genug verfolgt wurde. Erst den Preußen gelang es nach 1815, die letzten Anführer dingfest zu machen und damit das Bandenwesen endlich zubeenden. Wilhelm Hüsgen wurde 1768 geboren, erlernte den Beruf des Kuchenbäckers und heiratete eine Anna Margaretha Haps. Schon bald scheint er aber das Kuchenblech gegen die Pistole getauscht zu haben, denn er fiel früh durch erste Diebstähle auf, später tat er sich mit anderen Räubern zusammen, so dass man von ersten Banden sprechen konnte.

1801 gehörte Hüsgen zur Bande des Handelsjuden Michel Meyer, die in Helenabrunn einen Bauernhof überfiel. Die Sache ging gründlich schief – ein Räuber wurde erschossen, der Anführer blieb in einem Fenstergitter stecken und konnte von der Gendarmerie bequem einkassiert werden. Hüsgen beschloss, seine Heimat fortan zu meiden und sich woanders einer Bande anzuschließen.

DER FETZER

Dabei traf er auf eine der bekanntesten Räuber-Persönlichkeiten seiner Zeit: Mathias Weber, genannt „Der Fetzer“. Er wurde 1778 in Grefrath bei Büttgen geboren und kam nach dem frühen Tod seiner Eltern in die Obhut eines Scherenschleifers, der ihn erfolgreich darin unterrichtete, wie man jedes Schloss knackt. Seit 1795 scharte Weber andere Spießgesellen um sich und begann mit seinen Raubzügen. Bis zu seiner Verhaftung 1802 sollte er insgesamt 178 Straftaten begehen – dreimal so viele wie der berühmte „Schinderhannes“.

Zweimal gelang es ihm, das Neusser Rathaus auszurauben, beim Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen erbeutete er 1799 unglaubliche 13.000 Reichstaler. Stützpunkt seiner Bande war die alte Bockstation in Osterath, hier fand er immer wieder Unterschlupf, und hier ist ihm vielleicht auch Wilhelm Hüsgen erstmals begegnet.

„HELMES VON DER SCHIEFBAHN“

1801 nahm Hüsgen, der sich nun „Helmes von der Schiefbahn“ nannte, erstmals an einem Raubzug des Fetzers teilt. Aktenmässig dokumentiert ist ein Überfall der Bande in der Nacht des 11. August auf das Haus des reichen Bürgers Kölver in Velbert. Dabei war Hüsgen in Begleitung solch schillernder Personen wie „Nagels Pitterchen“, „Friedrich dem Scheelen“ und dem „Generalchen“ – einem desertierten französischen Soldaten. Der Überfall wurde nach dem bekannten Muster seiner Zeit durchgeführt:

Die Tür wurde mit einem Rammbock aufgebrochen. Zwei Räuber hielten vor dem Haus Wache und vertrieben mit Schüssen in die Luft eventuell heraneilende Nachbarn. Die anderen zwangen die Bewohner mit Waffen- gewalt, alle Wertgegenstände herauszugeben.Aufgrund seiner fortgesetzten Raubzüge intensivierten die Franzosen ihre Suche nach dem Fetzer, jetzt sogar in Zusammenarbeit mit den benachbarten Rheinbundstaaten. 1802 wurde er in Frankfurt verhaftet, ein letzter Fluchtversuch scheiterte. Ihm wurde der Prozess gemacht und am 19. Februar 1803 erfolgte in Köln die Hinrichtung.

PER STECKBRIEF GESUCHT

Wilhelm Hüsgen scheint in der Folgezeit die übriggebliebenen Mitglieder der Bande um sich geschart zu haben. Seit 1804 wurde er steckbrieflich gesucht. Die Beschreibung lautete: „Helmes (Kuchenbecker) alt 40 Jahr, 5 Fuß 2 Zoll, schwarzbraune Bart, eben solche Haare, hellere Augenbrauen, schmal von Gesicht, pockennarbig, etwas gebogene Nase, gebürtig auf der Schiefbahn“. Über die folgenden 12 Jahre ist nichts bekannt, wir wissen nicht, ob Hüsgen untertauchte oder weitere Raubzüge durchführte. Erst 1816 wurde er in Kuckum bei Erkelenz gefasst.

Bei seiner Verhaftung nannte er sich Hauser, weshalb sich die preußischen Behörden diskret an den gleichnamigen Schiefbahner Bürgermeister Laurenz Hauser wandten, ob es sich eventuell um einen Verwandten handeln würde. Hauser beeilte sich natürlich, den Sachverhalt zu klären und teilte dem zuständigen Staatsanwalt den wahren Namen des Übeltäters mit. Wilhelm Hüsgen wurde 1817 in Aachen hingerichtet. Die Räuberbanden am Niederrhein gehörten der Vergangenheit an.

Texte und Fotos wurden uns freundlicherweise vom Archivar der Stadt Willich, Udo Holzenthal zur Verfügung gestellt.