Schlossfestspiele Neersen – Jan Bodinus im Interview mit Willich erleben

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Foto: Jan Erting

Das diesjährige Motto der Schlossfestspiele Neersen – „Vergeben – Vergessen – Verzeihen“ – fordert – denn jede dieser drei emotionalen Aktionen erfordert in der Regel von einem Menschen Überwindung. Seit Anfang Mai laufen die erste Proben, gestern fand die Auftaktpressekonferenz der Spielzeit 2017 statt – ein Grund für Willich erleben, mit dem Intendanten der Schlossfestspiele Neersen, Jan Bodinus, über die kommenden Wochen und die Spielzeit zu sprechen.

WE: Herr Bodinus; „Vergeben – Vergessen – Verzeihen“ – mit welchen Gedanken haben Sie dieses Motto gewählt?
JB: Wir leben in einer Zeit, in der diese Worte oft in den Hintergrund geraten. Dabei sind diese Begriffe für Menschen auf ihrem Weg entscheidend, für ihre Entwicklung extrem wichtig. Unser Motto kann ja als Überschrift für die Festspiele als Anregung zum Denken anregen, sich in den Köpfen der Zuschauer festsetzen.

WE: Warum sind diese emotionalen Aktionen oder Prozesse so wichtig für einen Menschen?
JB: Jeder Mensch kommt irgendwann und immer wieder an den Punkt, an dem er die Verantwortung für seinen Lebens weg vollkommen übernehmen muss. Ohne Vergebung werde ich nie soweit kommen.

WE: Wie findet sich das Motto in den einzelnen Programm-Bestandteilen wieder?
JB: Im Kinderstück gibt es den frechen Jungen Michel, der immer wieder auf Verziehen hoffen muss, da er durch seine lebhafte Art so viele Streiche im Kopf hat. Er wird geliebt, ihm wird ein Weg gewiesen, aber natürlich wird ihm auch verziehen. In „Honig im Kopf“ geht es um das Vergessen, um Demenz und Alzheimer und was Lücken in der Rückschau der eigenen Identität mit einem Menschen machen. Und im „Zerbrochenen Krug“ geht es unter anderem um Schuld und Sühne, um die Möglichkeit jemandem zu verzeihen. Starke, emotionale Themen, die jeden betreffen.

WE: Findet sich das Motto auch in den Jungen Festspielen wieder ?
JB: Die Arbeit mit den jungen Menschen beinhaltet so viele Themen auf dem Weg zur Menschwerdung, als auch dieses Motto. Aber explizit werden wir diese Themen in der Theaterarbeit mit den Kindern und Jugendlichen nicht herausstellen. In jüngeren Jahren interessieren Themen wie Schule, Familie, vielleicht Liebe viel mehr.

WE: Kommen wir zu den Schauspielern – wie setzen Sie – Michael Schanze einmal nicht im Fokus – das Ensemble zusammen?
JB: Durch meine jahrzehnte lange Erfahrung am Theater habe ich natürlich viele Menschen kennen gelernt, mit denen ich wieder oder zum ersten Mal arbeiten möchte. Idealerweise möchte ich hier in Neersen einen Sommer lang so etwas wie eine Familie um mich herum scharen. Natürlich mit allen Vorzügen und Problemen, die eine Familie auch hat, aber auch mit der Liebe und dem Respekt, welche in einer solchen Gemeinschaft idealer weise vorherrscht. So versuche ich jedes Jahr aus dem Neersener Publikum bekannten Gesichtern und neuen, talentierten Menschen einen Pool aus begabten Künstlern zusammen zu bringen. Mir darf man auch vielen Wegen begegnen, natürlich auch kritisch, aber auf „Stinkstiefel“ habe ich keine Lust.

WE: Es ist Ihre dritte Spielzeit als Intendant in Neersen – mit welchem Gefühl gehen Sie selber daran?
JB: Es fühlt sich jedes Jahr „realer“ an. Das Publikum bei den Festspielen ist einfach fantastisch, die Mitarbeiter ziehen alle an einem Strang, die Zusammenarbeit mit Verein und Politik klappt sehr gut, was will man mehr? Obwohl wir als Team seit meiner ersten Spielzeit so viel Erfolg hatten, hier noch mal ein großer Dank an unsere Zuschauer und unsere Sponsoren, hat meine Arbeit gerade erst begonnen. Wir werden hier noch sehr viel mehr bewegen, für die Festspiele, für die Stadt Willich, für die Region.

WE: Wie sehen die nächsten Wochen für Sie aus?
JB: Ich werde mich positiv in alle Bereiche der Festspiele „einmischen“: Probenbesuche, Termine mit Presse, Politik und Sponsoren, unser gemeinsamer Kochabend mit den Stadtwerken Willich, Arbeit am Programmheft, Spielplangestaltung für das nächste Jahr, Besuche der Werkstätten, Vertragsverhandlungen für das nächste Spielzeit, Arbeit an meiner Inszenierung und an einem neuen Stück, welches ich schreibe und so weiter und so weiter. Zwischendurch wird man mich sicher auch mal durch Willich und Neersen schlendern sehen oder mir mal auf dem Flohmarkt begegnen.

WE: Zum Abschluss die Bitte: Nennen Sie drei Gründe, warum die Besucher zu den diesjährigen Schlossfestspielen Neersen kommen sollten:
JB: Es gibt nicht Schöneres, als sich nach einem arbeitsreichen Tag zusammen mit uns unter freiem Himmel zurückzulehnen, sich ein Getränk zu gönnen und sich anspruchsvoll unterhalten zu lassen.
Unsere Stücke bieten für jeden etwas: „Michel“ als nostalgische Erinnerung für die Älteren von uns, als rasantes Abenteuer für die Kinder. „Honig im Kopf“ als Familienstück ab 12 Jahren. „Der zerbrochene Krug“ als das große Lustspiel der klassischen deutschen Literatur, bei dem jeder etwas lernen kann.

Und last but not least: Unser fantastisches Nebenprogramm: Musikalisch, anspruchsvoll, unterhaltsam, was will man mehr!