Foto: Stadtarchiv

Willich – das ist eigentlich ein gemütliches Städtchen. Es gibt aber auch eine andere Seiten des Lebens am Niederrhein. Knapp fünf Monate nach dem Mord an Anna Rütten (hier lesen: Anna Rütten – eine Ärztin wird ermordet) rückte der Buschhof in der Niederheide in den Mittelpunkt des Geschehens.

Hier lebten der Landwirt Heinrich Steves, seine Frau Katharina, geborene Kox, zwei Kinder und der polnische Knecht Michael. Die Familie hatte den Krieg halbwegs gut überstanden. Heinrich Steves war zwar 1944 noch zur Wehrmacht eingezogen worden, hatte aber bei einem Heimaturlaub einen Unfall mit einem Pferd gehabt und blieb bis zum Kriegsende in einem Lazarett.

ÜBERFALL DURCH MARODEURE

Die Lage sollte sich am Abend des 16. Dezembers 1945 dramatisch ändern. Heinrich Steves befand sich im Kuhstall. Im Wohnhaus waren seine Frau, die beiden Kinder sowie seine Schwägerin Maria Schmitz, ihr Mann Johannes und deren beide Kinder. Knecht Michael hatte seinen freien Abend und verbrachte diesen im Schiefbahner Kino.

Plötzlich standen zwei Fremde im Haus. Sie fragten nach einem Schluck Wasser. Die Bäuerin sagte, sie sollten sich an ihren Mann wenden, der gerade im Kuhstall melken wäre. Von dort hörten die Menschen im Haus einen Schuss. Katharina Steves begann laut zu schreien, woraufhin der andere Marodeur auf sie feuerte. Die Kugel durchschlug die Lunge und verletzte die Bäuerin lebensgefährlich. Die anderen im Haus befindlichen Personen wurden in den Keller gesperrt und die Tür mit dem Ofen verbarrikadiert.

Als der Knecht aus dem Kino zurückkehrte, fand er Heinrich Steves mit einem Kopfschuss tot im Kuhstall liegen. Er befreite die eingesperrten Familienmitglieder, gemeinsam brachten sie die schwerverletzte Katharina Steves ins Schiefbahner Krankenhaus, wo diese noch in der Nacht verstarb.

ERMITTLUNGEN ERGEBNISLOS

Die britische Militärpolizei leitete umgehend Ermittlungen ein, im Frühjahr 1946 wurden jedoch die Nachforschungen ergebnislos eingestellt. Drei der vier Waisenkinder kamen bei Jakob Steves unter, einem Bruder von Heinrich. Das älteste Kind, Anne Steves (später verheiratete Gather), begann in Willich eine Lehre bei der Bäckerei Kerkes. Der Hof wurde verpachtet und später dann von Heinz Steves übernommen.

2016 erhielt der damalige Bürgermeister Josef Heyes eine interessante Mail aus England. Sie stammte von einem David Heap, der bei der Durchsicht des Nachlasses seines Vaters auf dessen Erinnerungen gestoßen war. Dabei beschrieb Captain Heap auch seine Erlebnisse als Offizier einer britischen Brigade im Winter 1945/46. Wörtlich hieß es: „Als diensthabender Offizier wurde ich zu einem kleinen Bauernhof am Ortsrand gerufen. Dort fand ich den Bauern tot unter der Kuh liegen, der er kurz zuvor noch gemolken hatte, Wenig später traf auch die deutsche Polizei ein, aber die beiden Täter waren über alle Berge. Es gab nichts, was ich tun konnte. Opfer in Kriegszeiten sind schlimm genug, aber das so etwas in Friedenszeiten geschehen musste, ist schlimm.“