Foto: Stadtarchiv Willich

Am Abend des 3. Oktober 1982 wurde eine vierköpfige vietnamesische Familie in einem Hochhaus an der Goethestraße brutal ermordet. Das erste Opfer des Täters war die 31-jährige Vietnamesin Boi Thai Long, die auf bestialische Weise ermordet wurde. Der Gerichtsmediziner diagnostizierte bei ihr drei Stiche in Kinn und Mund, sechs Platzwunden am Kopf, zwei Stiche in den Kopf, einen Zungenbein- und Kehlkopfbruch sowie eine Zertrümmerung des Brustbeins.

Anschließend brachte er die beiden Kinder Toyet Trinh (2) und Le Nhi (1) mit einem Messer um. Als der 38 Jahre alte Vater Chieu Tanh in der Nacht nach Hause kam, tötete der Täter auch ihn mit einem Küchenbeil.

Erst drei Tage später wurden die Leichen entdeckt – Nachbarn hatten aufgrund des süßlichen Geruchs aus der Wohnung die Polizei informiert. Noch Jahre später erinnerte sich das Soko-Mitglied Hubert Roßkamp an den Tatort: „Es war grausig. Jeder, der das Blutbad sah, sagte: Der Schweinehund muss geschnappt werden“.

Sonderkommission will Mörder finden

Umgehend wurde eine 80-köpfige Sonderkommission gegründet. Die „Soko Ngo“ nahm am 6. April in einer Willicher Schule ihre Arbeit auf. Dabei wurde vor allem das Umfeld der Familie beleuchtet. 1977 waren Chieu Tanh und seine Frau in einem Holzboot von Vietnam nach Malaysia übergesetzt. Nach zwei Jahren in einem Flüchtlingslager erhielten sie in Deutschland Asyl und kamen hier nach Grefrath, suchten sich anschließend eine Wohnung in Willich. Boi Thai Long arbeitete hier als Sekretärin, er als Koch: zuerst im Kölner Lokal „Saigon“, später dann im Krefelder Restaurant „Casserole“.

Für die Soko war schnell klar, dass die Opfer ihre Mörder kannten, dass es sich bei den Tätern um Vietnamesen handelte. Doch die Ermittler stießen bei den Landsleuten auf eine Mauer des Schweigens. Eine weitere Frage war das Motiv. Anfangs ging die Polizei von einem politischen Motiv aus, zog dann aber auch einen Raubmord in Betracht.

Rätsel gab der Soko eine geheimnisvolle Blutspur auf, die die Ermittler auf dem Oberkörper der ermordeten Frau fanden. Dort standen die Worte „Thuan AC“. Bei Thuan handelte es sich um einen vietnamesischen Vornamen. Wörtlich übersetzt bedeutete die Blutspur: „Thuan ist böse“. Mit Hilfe des Ausländerzentralregisters wurden alle in Deutschland lebenden Vietnamesen mit dem Vornamen Thuan ermittelt – und tatsächlich ergab die Suche einen Treffer:

Die heiße Spur führte zu einem Kollegen von Chieu Tanh aus seiner Zeit im Kölner Lokal „Saigon“. Der mittlerweile in Aachen lebende Thuan wurde festgenommen, ihm konnte aber nichts nachgewiesen werden.

Die Spur führt nach Frankreich

Durch ihn kam die Soko aber auf eine andere Fährte: Im „Saigon“ hatte es in jener Zeit einen dritten Koch gegeben, den inzwischen in Paris lebenden L.

Eine vierköpfige Delegation der Soko machte sich auf den Weg nach Paris und erhielt dort die volle Unterstützung der französischen Behörden. Die Polizisten drangen in die Wohnung von L. ein, fanden ihn dort mit Frau und Kind vor. Beim Anblick von L. sagte Hubert Roßkamp seinen Kollegen aus dem Gefühl heraus: „Das ist der Täter“. Den Beweis erbrachte ein Fingerabdruck, der mit einem am Tatort auf einer Bierflasche vorgefundenen abgeglichen wurde. Beide Abdrücke waren identisch.

Bis heute in Haft

Die Vernehmungen von L. verliefen zäh. Schließlich gestand er den Vierfachmord. Als Motiv für seine Tat gab er Spielschulden in Höhe von 30.000 Mark an. Am 3. April 1982 hatte er die Ngos besucht, um sich von ihnen Geld zu leihen. Als die Frau ablehnte, brachte er sie um, anschließend die Kinder und den Mann.

Im April 1983 wurde der Fall vor dem Schwurgericht Krefeld verhandelt. Dabei konnte auch das Rätsel der Blutspur geklärt werden: Der Mörder hatte den Finger der Toten in ihr eigenes Blut getaucht und die Worte auf die Brust geschrieben, um eine falsche Fährte zu dem in Aachen lebenden Kollegen zu legen. L. wurde zu viermal lebenslänglicher Haft verurteilt und sitzt seine Strafe immer noch in Frankreich ab.