Foto: Stadtarchiv

Das Leben in Willich war nicht immer nur friedlich – es gab auch verbrecherische Bürger. Stadtarchivar Udo Holzenthal hat einige „finstere Gestalten“ ausgemacht, die er in seinem Vortrag „Willich Crime“ darstellt. In „Willich erleben“ berichtet er in einer Serie über das „Gesindels“.

Das 18. Jahrhundert war auch ein Jahrhundert der Bettler, Landstrei­cher und Vagabunden. Fast alle Fürsten erließen in dieser Zeit Dekre­te, um dieser Problematik Herr zu werden.

Im Herzogtum Jülich­Berg beispielsweise wurden die 1744 die Stra­ fen gegen solches – ich zitiere – „verdächtiges Gesindel“ erhöht. Und der Kölner Kurfürst Clemens August von Bayern erließ vier Jahre spä­ter eine Anordnung zur Bekämpfung von „Untaten und Misshandlun­gen“, die durch Diebe, Räuber und anderes umherschweifendes loses Gesindel ausgeführt wurden.

Zu dieser zwielichtigen Personengruppe gehörte auch ein Ehepaar aus dem ansonsten beschaulichen Neersen: Der Weber Peter Sand und seine Frau Anna Jansen.

Schon früh rutschte Peter Sand in das kriminelle Milieu ab, erst als Falschspieler, dann durch kleinere Diebeszüge. Im Februar 1748 überredete ihn eine Zinngießertochter aus Korschenbroich, doch mal mit zu einer gewissen Dorothee nach Hüls zu kommen. Besagte Dorothee besaß dort eine Kaschemme, in der sich zahlreiche illustre Gäste befanden: Peter Richard und seine Freundin Gritie, ein Düssel­dorfer namens Smits und seine Freundin Mari, Gerard Vink, ein gewis­ser Hannes und der Falschspieler Paulus aus Köln. Bei Peter Richard und dem Smits handelte es sich um gesuchte Kriminelle, die auf einer 1748 gedruckten „Lista der Diebs­Banden“ im kurkölnischen Gebiet standen. Gerard Vink schlug an dem Abend vor, einen Bauern in Frim­mersdorf zu überfallen. Da die Bewohner rechtzeitig von ihrem Hund geweckt wurden, musste die Bande jedoch unverrichteter Dinge wie­ der abziehen. Peter Sand kehrte zu seiner Frau und seinen Kindern nach Neersen zurück. Die kriminelle Karriere der Dorothee fand kurz darauf ein jähes Ende: Sie wurde im Kloster Kamp inhaftiert und nach einem kurzen Prozess hingerichtet.

Am 23. August begab sich Peter Sand auf einen neuerlichen Raubzug, gemeinsam mit seinem neuen Kompagnon Matthijs Hilden. In der Wirtschaft des Christoffel Hoetmakers in Süchteln schauten sie sich ihr Opfer aus – den Arnold Theven, der auf dem Weg nach Neuss war. Die beiden gaben vor, sich ihm anschließen zu wollen. In der Bauern­schaft Dyck schlugen sie dann auf ihr Opfer ein und entwendeten ihm sein Geld.

Beide Täter wurden wenig später gefasst: Matthijs Hilden wurde in Süchteln gefasst und später hingerichtet. Peter Sand wurde in Neer­sen inhaftiert und nach kurzer Folter vom Neersener Schöffengericht zum Tode verurteilt. Kurfürst Clemens August unterzeichnete das Ur­teil am 8. Juni 1749. Dieses Urteil wurde aber nie vollstreckt, da Peter Sand die Flucht gelang. Jemand hatte eine Feile in das Gefängnis geschmuggelt, damit hatte er die Eisenfessel um seinen Fußknöchel durchgefeilt. Anschließend grub er ein Loch unter der Gefängnistür und konnte entkommen.

Am folgenden Tag versteckte er sich in Hüls und zog dann weiter nach Roermond. Hier gelang es ihm, eine bürgerliche Identität anzunehmen und sein Geld mit Leinenweben und Dreschen zu verdienen. Doch 1753 war er dann schon wieder Mitglied einer Räuberbande, die im

Geldrischen ihr Unwesen trieb. Am 18. November 1754 wurde Peter Sand in S’Hertogenbosch gefasst. Der Regierung wurde mitgeteilt, dass es gelungen sei, den Peter Sand alias „Klein Peterken“ alias „Kogeltjes Peter“ alias „Vingerhoed Peter“ festzunehmen. Er gehöre vermutlich zu einer Bande, deren Mitglieder ihr inhaftierter Anführer, der „Kleine Toon“, im Verhör genannt hatte.

Diesmal hatte Peter Sand kein Glück mehr: Am 6. Februar 1755 sprach das Schöffengericht von Beek en Donk das Urteil: Sand sollte gehängt werden und am Galgen hängen bleiben, bis sein Leichnam „door de lugt en voogelen sal sijn verteert“. Das Urteil wurde am 10. Februar exekutiert.